Gates Open!

Designer*innen sprechen über

Caroline Villis

→→ [...] Mein Einstieg nach meinem Masterstudium in Mainz, den Bachelor habe ich in Dortmund gemacht, war bei Herburg Weiland. Ich bin direkt von der Uni sehr spontan nach München gezogen und habe dann dort mit dem Redesign des Lenbachhauses gestartet. Es gab natürlich Parameter, die festgelegt waren. Tom und Steffi (von Herburg Weiland) haben mir da viel Verantwortung überlassen. Was auf jeden Fall eine Herausforderung war, aber als Einstieg nach dem Studium natürlich ein Traumprojekt ist. Da bin ich bis heute dankbar, dass ich die Erfahrung dort machen durfte. Es war eine sehr intensive Zeit. Aber ich habe wahnsinnig viel gelernt und konnte viel umsetzen. Ich habe fast drei Jahre lang dort gearbeitet und durfte danach auch andere Kunden mit betreuen. Rückblickend muss ich sagen, mutig von Tom und Steffi, dass sie uns damals so viel Verantwortung übertragen haben, aber es hat irgendwie immer funktioniert und die beiden waren als Backup immer greifbar. An manchen Stellen hat man sich, weil man sehr viel Herzblut reingesteckt hat, für die Projekte selbst schon sehr verantwortlich gefühlt. Ich glaube, das ist so ein Ding nach dem Studium. Was ich heute anders sehe, ist, dass man gar nicht immer alles alleine lösen muss. Wenn man in einem Team zusammenarbeitet, kann man als Team gemeinsam die Dinge bestreiten. Und nach dem Studium hatte ich, und auch meine damaligen Freunde und Arbeitskollegen, oft das Bedürfnis, das selbst schaffen zu müssen. Und alles selbst umsetzen zu müssen. Und da muss ich jetzt, nach über zehn Jahren Berufserfahrung, wenn ich darauf zurückblicke, manchmal ein bisschen schmunzeln. Teamwork und gegenseitiger Austausch und auch mal ein kreatives Ping-Pong ist viel effektiver. Das merken wir in unserem Team, in dem ich jetzt arbeite, dass wir einfach viel effizienter sind, wenn wir gemeinsam an Projekten arbeiten. Wenn man merkt man hängt an einem Punkt, dass man jemand anderem die Verantwortung übergibt, sich auf andere Dinge konzentrieren kann und dann mit einem frischen Blick wieder einzusteigen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Manchmal muss man lernen loszulassen. Und man muss seine Prioritäten manchmal ein bisschen anders setzen. Man muss an seinen gestalterischen Prinzipien festhalten. Das macht viel von der eigenen gestalterischen Haltung aus. Da darf man sich nicht von Kunden verunsichern oder auch zu sehr steuern lassen. Aber was total hilft ist, wenn wir mal in Situationen kommen, wo das Feedback negativ ist oder der Workflow unstrukturiert und nicht zufriedenstellend ist. Dass man sich erst mal gemeinsam darüber austauscht, einmal seinen Frust rauslässt, das intern bespricht und dann versucht, konstruktiv zu lösen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Über die Frage habe ich am meisten nachgedacht. Das ist gut, auch noch mal selbst für sich zu reflektieren. Also dieser Dienstleistung Aspekt ist bei uns schon ein sehr großer. Trotzdem versuchen wir, wenn wir Projekte umsetzen, immer unsere Handschrift mit einzubeziehen, sowohl im konzeptionellen Ansatz als auch in der Gestaltung. Und es gibt immer irgendwo Freiräume in Projekten, wo man kreativer und mehr Designer sein kann als Dienstleister. Und diese Freiräume versuchen wir uns immer einzuräumen. Grundsätzlich ist Design immer eine Mischform und wir versuchen, uns Freiräume zu schaffen, in denen wir kreativ sein können. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Angebote sind ein sehr aufwändiges Thema. Es gibt keine Mustervorlage, die man immer wieder anwenden kann, sondern man muss immer individuell reagieren. Oft werden Anfragen von potenziellen Kundinnen an uns herangetragen, wo man direkt merkt, okay, das was die Personen anfragen, ist eigentlich gar nicht das, was sie brauchen. Was sie brauchen muss man dann im Dialog und einem gemeinsam ein Briefing erarbeiten, wo man klären kann, was ist eigentlich der Arbeitsumfang?

Bei umfangreichen Anfragen überprüfen wir meist in einem Workshop, um was es genau geht. Und dann erstellen wir im nächsten Schritt ein umfangreiches Briefing, was genau beschreibt, was unsere Aufgabenfelder sind und wo wir durch diesen Workshop im Vorfeld klarer definieren können, was kommt da eigentlich wirklich auf uns zu. Damit wir uns da nicht verrennen und das hinterher völlig unwirtschaftlich ist.

Und dann gibt es noch Ausschreibungen. Das ist ein sehr umfangreiches Feld. Das sind oftmals sehr komplex formulierte Anforderungskataloge, die viel Zeit erfordern bei der Aufarbeitung. Meistens ist klar, welche Angebotspunkte benötigt werden und welche bewertungsprinzipien es gibt. Was zählt mehr, Preis oder Referenz oder Entwurf? [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Es hilft einem auf Dauer nicht, wenn man einsteigt und seine Arbeit sehr günstig anbietet und nach drei Jahren merkt, ich habe jetzt einen Kundenstamm, aber die sind durch meine Preise sehr verwöhnt. Mein Leben zieht jetzt an, ich muss jetzt die Preise erhöhen. Dann kommt man in schwierige Situationen.

Was total wichtig ist, ist ein Austausch mit unterschiedlichen Menschen. Heißt mit seinen Kommilitonen, aber auch mit Leuten, die im Beruf sind. Geld ist ein Thema, wo viele nicht gerne offen drüber reden. Es gibt Empfehlungen vom BDG (Bund Deutscher Grafikdesigner), wo es Preisblätter und Empfehlungen gibt. Diese Zahlen muss man vielleicht auch hinterfragen, aber das sind ja schon mal Richtwerte. Ansonsten hilft es einem einfach, seine effektiven Stunden zu tracken und zu gucken: wie lange man im Durchschnitt für seine Tätigkeit braucht.

Man kann sich auch fragen, was sind die Einstiegsgehälter in einer Agentur, was bekommen da Junior-Designer? Was steht da so auf dem Deckel? Das auch noch mal für sich in Relation zu setzen, weil diese Zahlen ja auch was konkret mit dem Leben zu tun. Man braucht das Geld zum Leben. Was ist der Mindestwert, den ich brauche und wie erreiche ich das? Entweder über Stundensätze oder über geleistete Stunden. Viele Berufseinsteiger vergessen am Anfang, dass man diesen Job natürlich macht, weil man sich gestalterisch auch verwirklichen möchte und Spaß daran hat. Aber man macht das auch, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Klar betreiben wir Akquise. Die Kaltakquise ist hart (zumindest für mich), kann sich aber rentieren. Ein wichtiger Aspekt für uns ist es, Veranstaltungen wie Ausstellungseröffnung, Theater Veranstaltungen, Festivals zu besuchen und Leute zu treffen. Das ist wichtig. Wir haben uns ein bisschen aufgeteilt in unserem Team. Ich kümmere mich vor allen Dingen um Ausschreibungsthemen, weil ich familiär eingebunden bin. Das heißt, ich schaue, was es für offene Ausschreibungen gibt. Und meine beiden Partnerinnen sind öfter auf Events und treffen die Leute. Unser Learning der letzten Jahre war, dass man trotz vieler Arbeit am Ball bleibt und sich nicht in die Arbeit verkriecht, sondern parallel Akquise betreibt.

Ich glaube, wenn man so aus dem Studium kommt, ist es gut, vom Kleinen ins Große zu denken. Heißt ruhig erstmal kleinere Projekte starten. Um sich ein Portfolio aufzubauen, was reale Projekte beinhaltet, nicht nur Uni-Projekte. Und sich von da aus herantasten an immer größere Dinge. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Ja. Ich mag’s total gerne. Ich mache diesen Job sehr gerne. Ich mag vor allen Dingen an der Selbstständigkeit und wie wir uns jetzt aufgestellt haben, dass ich wirklich für Kundinnen und Institutionen arbeiten darf, die ich inhaltlich wahnsinnig spannend finde und da einen kleinen Beitrag leisten kann, dass die besser kommunizieren. Und das ist total erfüllend. Unsicherheit und Angst von jungen Menschen kann ich total nachvollziehen. Wir sind zum Teil auch verunsichert durch die neuen technischen Entwicklungen, die aktuelle Lage in der Kunst, Kultur und Design Szene und die Weltlage sowieso. Da brauchen wir jetzt nicht einsteigen … . [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Ich glaube, ein Riesenvorteil von manchen Dingen, die sich gerade so entwickeln, ist, dass man komplexere und umfangreichere Projekte mit einem kleineren Team als noch vor ein paar Jahren entwickeln, umsetzen und betreuen kann. Das ist auch nur eine Momentaufnahme, das wird sich auch wieder ändern. Es ist aber auch was, was man jetzt als Berufsstarter mitnehmen kann. Man hat viele Hilfsmittel, die einem den Weg in eine Selbstständigkeit auf jeden Fall erleichtern können. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Claudia Doms

→→ [...] Nach meinem Bachelor in Amsterdam vor sage und schreibe 17 Jahren habe ich zunächst bei der Post gearbeitet und Briefe ausgetragen. Meine Eltern haben mir schon vor meinem Abschluss prophezeit, dass mit dem Tag meiner Abschlussausstellung jegliche finanzielle Unterstützung endet. Während meiner Vorbereitung auf den Abschluss war es mir jedoch nicht möglich, eine Anstellung oder Arbeit zu finden, die gleich nach dem Studium beginnt.

Ich habe damals mit sechs weiteren Kommiliton*innen einen Kellerraum in Amsterdam gemietet, von dem aus wir alle mehr oder minder erfolgreich versucht haben, unser Freelance-Business aufzubauen. Nach ein paar Monaten habe ich gemerkt, dass ich mit dem damaligen Netzwerk und den vorhandenen Arbeitserfahrungen auf keinen grünen Zweig kommen werde. Also habe ich begonnen, mich bei Agenturen und Grafikbüros zu bewerben. Ich habe sehr viele Absagen bekommen, bis ich irgendwann eine temporäre Anstellung als Junior-Designerin über ein Jahr bei einer Agentur bekommen habe. Dort konnte ich praktische Arbeitserfahrungen sammeln und ein besseres Verständnis für den tatsächlichen Arbeitsmarkt gewinnen. ←← [...]

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ein gutes Briefing kann schriftlich oder mündlich sein. Es zeigt sich vor allem durch den Willen, möglichst transparent zu arbeiten und Wünsche offen zu kommunizieren. Es ist sehr schön, wenn sich Leute ausreichend Gedanken darüber machen, was sie von der Gestaltung und der gestaltenden Person erwarten, und proaktiv am Prozess mitarbeiten. Das Schlimmste ist, wenn Auftraggeberinnen und Gestalterinnen versuchen, sich auf eine vermeintlich sichere moralische oder rechtliche Seite zu bringen, und die Zusammenarbeit durch ein Gegeneinander statt ein Miteinander bestimmt ist. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ich habe nach meinem Studium unglaublich viele Kämpfe für meine Gestaltung gefochten; manchmal habe ich mich durchgesetzt, andere Male nicht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es sich jemals wirklich gelohnt hat. Für mich ist der Prozess unglaublich wichtig geworden. Ich möchte gerne mit Leuten zusammenarbeiten, mich austauschen und Verständnis füreinander gewinnen. Heute verstehe ich, dass mir dieses Gefühl von Austausch sehr viel wichtiger ist als zum Beispiel cutting-edge Typography. Man muss aber dazusagen, dass ich nach 17 Jahren Arbeitserfahrung sehr viel besser in der Kommunikation mit Menschen geworden bin und Situationen besser einschätzen kann. Das hilft enorm bei der Entwicklung gestalterischer Konzepte und in der Zusammenarbeit mit Kundinnen bzw. Kollaborateurinnen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ich denke, dass alle Arbeit gleich viel Wert hat. So gesehen ist es egal, ob man Teller wäscht, Bücher gestaltet oder an der Börse Aktien vertickt. Wir sollten alle durch unsere Arbeit – gemessen in Zeit – in Würde leben können, keine Sorge haben müssen, die Miete nicht zahlen zu können oder gesundes Essen auf dem Tisch zu haben. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Wie man seine eigene Arbeitskraft finanziell am schlauesten auf dem Arbeitsmarkt navigiert, ist wiederum eine andere Frage. Grafikdesigner*innen durchdringen alle Bereiche des Arbeitsmarktes; die Budgets und (kreativen) Anforderungen sind sehr unterschiedlich. Dementsprechend ist es unrealistisch, einen gleichbleibenden Stunden- oder Tagessatz unabhängig von der Art des Auftraggebers zu haben.

Ich würde behaupten, dass Gestalter*innen grundsätzlich kaum Luft nach oben haben – eine Karriere im Sinne einer finanziellen Aufwärtskurve gibt es meiner Meinung nach in der freiberuflichen Grafikdesignwelt kaum. Ich habe Bekannte und Freunde, die durch Festanstellungen in großen Agenturen oder Inhouse eine finanzielle Stabilität erreicht haben, die es ihnen erlaubt, ihr Leben abzusichern und zu planen. Das ist aber natürlich ein Berufsweg, bei dem ein künstlerischer Werdegang oder eine inhaltliche Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen oft auf der Strecke bleiben. Es scheint also, als müsse man sich oft zwischen Prekarität und Stabilität, zwischen künstlerischem Werdegang und Angestelltenverhältnis in konsumorientierten Kontexten entscheiden. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Das ist ein wichtiges Thema, da Frust in einem Berufsfeld, das vom Ideal der Selbstverwirklichung und individuellem Ausdruck geprägt ist, unausweichlich ist. Ich persönlich finde die Arbeit als Gestalterin, die davon abhängig ist, den Lebensunterhalt durch Gestaltung zu verdienen, extrem frustrierend. Mein Umgang damit war, den Broterwerb von der gestalterischen Arbeit zu trennen. Aktuell verdiene ich durch eine gut bezahlte Anstellung in der Lehre sehr gut – das macht diese Entscheidung leicht. Meine Schlussfolgerung nach 17 Jahren mehr oder weniger freiberuflicher Arbeit ist, dass ich nur noch Projekte mache, die mich inhaltlich interessieren, sprich: Arbeiten mit Künstlerinnen und gesellschaftsrelevanten Projekten. Auch wenn das bedeutet, dass ich in Zukunft im Sommer Karls Erdbeeren verkaufen werde, um meinen Lebensunterhalt abzusichern. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ich hole mir selbst Ansätze bei jungen Gestalter*innen und auch Studierenden, was eine positive Einstellung für das Berufsleben angeht. Mir ist bewusst, dass die Studierendenschaft heutzutage maßgeblich durch Angst vor der Zukunft geprägt ist – das war zu meiner Zeit nicht der Fall. Ich sehe aber auch, dass Zufriedenheit, Gemeinschaft und innere Ruhe wichtigere Aspekte geworden sind als eine karriereorientierte Zukunftsperspektive. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung nach Jahrzehnten kaum erfüllbarer Karriereträume in unserem Berufsfeld und sollte sich auch positiv auf den Umgang mit Frust auswirken.

Wenn ich einen Tipp geben müsste, dann wäre es: Erstellt euch eine Prioritätenliste und wägt Aspekte wie finanzielle Stabilität und Prekarität, künstlerische Freiheit und kommerzielle Werbung gegeneinander ab – unter dem Gesichtspunkt, dass finanzielle Sicherheit meistens nicht mit künstlerischer Freiheit vereinbar ist. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Es gibt natürlich gewisse Basics. Ein paar Standardsätze, die eigentlich immer drin sein sollten. Aber was mir wirklich wichtig ist zu betonen: Genauso wie kein Projekt das gleiche ist, kann auch das Vor- und Nachspiel nie identisch sein. Ein Angebot zu schreiben ist deshalb teilweise wirklich wie eine Kunstform. Es kann extrem detailliert, präzise und durchdacht sein und es legt den Grundstein einer Zusammenarbeit.

Dabei kommen natürlich immer andere Faktoren ins Spiel. Betreibt man viel Aufwand für eine Offerte, bei der man gar nicht weiß, ob man den Job bekommt, zum Beispiel weil es eine Ausschreibung ist? Das beeinflusst alles… Nicht jede Offerte braucht wirtschaftlich betrachtet die gleiche Aufmerksamkeit. Aber was bedeutet es eigentlich, eine Offerte zu schreiben? Da schreibt man ja nicht nur rein: Das und das möchte ich für meine Arbeit. Was viele vergessen: Man sollte auch unbedingt festhalten, was man vom Kunden braucht, wie die Zusammenarbeit aussehen soll und was der gemeinsame Outcome sein wird. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Ich hatte mal eine Anfrage von einem sehr bekannten Fashion-Unternehmen. Geld spielte zunächst keine Rolle (das war zur Abwechslung mal ganz neu für mich). Ich habe letztlich mit denen über drei Monate lang nur Verträge ausgehandelt. Das war eines der erschütterndsten und lehrreichsten Erlebnisse in meiner bisherigen Laufbahn. Ich musste zwischenzeitlich Leute einstellen, die meine laufenden Projekte weiterführten, während ich mich ausschließlich mit diesem Vertragsmarathon beschäftigte.

Natürlich ist es erst einmal verlockend: eine Anfrage von einem renommierten Unternehmen, bei dem Geld keine Rolle spielt. Aber genau da beginnt die Fassade zu bröckeln. Je größer und prestigeträchtiger die Anfrage, desto mehr muss man sich absichern und Abstand gewinnen. Am Ende hat mir diese Erfahrung und mein Bauchgefühl wahrscheinlich meine Karriere gerettet. Irgendwann habe ich gesagt: Unter diesen Bedingungen kann ich meine Arbeit nicht verrichten. Es ging um komplette Buyouts und komplette Lizenzübernahmen, wobei ich gleichzeitig weiterhin für mögliche Lizenzverletzungen haftbar bleiben sollte. Das ist schlicht nicht akzeptabel. Wenn alle Lizenzen und Nutzungen übertragen werden, muss auch die Haftung mit übergehen, solange kein vorsätzlicher Schaden verursacht wird. Das wollten die jedoch partou nicht mitmachen.

Irgendwann war klar: Wir drehen uns im Kreis. Das wäre ein großartiges Projekt gewesen, vom Umsatz her wahrscheinlich zwei gute Arbeitsjahre auf einmal eingesackt. Aber das wichtigste Learning war, auch da Nein zu sagen, wenn die Umstände nicht passen. Eine Summe, die auf dem Papier steht, ist erst real, wenn sie auf dem Konto ist – nicht früher. Man sollte sich nicht ködern lassen und stattdessen auf seinen Prinzipien beharren. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Frust entsteht erst, wenn man über die eigenen Grenzen geht. Wenn man die Zähne zusammenbeißen muss und denkt: Das habe ich jetzt durchgehen lassen. Aber die Wertschätzung kommt nicht zurück. Das ist Realität, das gilt in allen Lebensbereichen.

Man muss lernen, nicht nur Grenzen zu kommunizieren, sondern sie auch durchzusetzen. Und dafür kann nur man selbst die Verantwortung übernehmen. Das bedeutet auch, nicht konfliktscheu zu sein. In der Realität heißt das: Wenn Kunden nicht zahlen, gibt es eine Konsequenz, so wie überall im Leben. Die Angst ist immer: Oh nein, ich verliere den Job. Aber das ist selten die Realität. Diese Angst ist zunächst nur eine Angst, noch kein Fakt. Ich sehe das bei vielen Leuten und bei mir genauso. Ich habe dieselben Unsicherheiten. Und wie gut man damit umgeht, entscheidet letztendlich über Erfolg oder Misserfolg in der Zusammenarbeit. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...]Das ist eine sehr gute und leider auch sehr schwierige Frage. Natürlich gibt es einen Preis, von dem man nicht abweichen sollte, zumindest theoretisch. Aber die Realität sieht anders aus. Zum Beispiel: Sehe ich das Potenzial, dass sich etwas in eine längerfristige Zusammenarbeit entwickelt? Und damit meine ich nicht den Kunden, der sagt: Mach das jetzt für fünfzig Euro, ich frag dich dann nochmal an. Wenn dieser Satz fällt, kann man direkt Nein sagen. Sondern ich meine: Sehe ich wirklich das Potenzial und bin ich bereit, dieses Projekt als Investment zu betrachten?

Das macht jemand an der Börse genauso. Es ist eine kleine Wette. Sie kann aufgehen oder eben nicht. Aber man lernt daraus. Wichtig ist, nicht alles auf eine Karte zu setzen und stattdessen zu streuen. Achtzig Prozent der Energie auf Projekte, die sicher zahlen. Und dann mal einen Job, der weniger bringt, aber Potenzial hat, als bewusstes Investment. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Ich habe noch niemanden getroffen, der nie unter Wert gearbeitet hat. Die Frage ist die Dosis. Wenn man immer unterbezahlt arbeitet, beutet man sich selbst aus. Und wenn man sich einredet, jedes Projekt sei ein Investment, lügt man sich irgendwann selbst an. Dann braucht man eine andere Strategie: zum Beispiel Jobs, die nicht ins Portfolio wandern, aber verlässlich Geld bringen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Es gibt so viele Studios, die wir auf ein Podest stellen, weil sie nur kreative Arbeit zeigen. Damit verdienen die selten ihr Geld. Es ist wichtig, den Unterschied zu erkennen: Was ist mein Image, was ist meine Story. Und was passiert eigentlich hinter den Kulissen, damit das alles funktioniert? Es ist fast ein Tabu, darüber zu sprechen, welche Aufträge man annimmt, weil man glaubt, alle anderen folgen ausschließlich ihrer Passion. Ich habe Projekte gemacht, auf die ich nicht besonders stolz bin. Aber die haben es mir ermöglicht, die Projekte zu machen, die mir wirklich wichtig waren. Diese Realität fällt nach dem Studium schwer zuzulassen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Nicht alles an der Arbeit muss Selbstverwirklichung sein. Wer morgens ins Gym geht, weil er gesünder leben will, weiß: Der Weg dahin ist selten angenehm. Man muss viele Dinge tun, die keinen Spaß machen und die nur indirekt zur eigenen Vision beitragen. Bei der Arbeit ist das nicht anders.

Wenn ich Jobs mache, die nicht im Portfolio landen, aber mir die Sicherheit geben, ein Herzensprojekt zu finanzieren: Das hat seinen Wert. Keine falsche Scheu vor Arbeit, die nicht glamourös wirkt. Jeder macht Jobs, über die er lieber nicht laut spricht. Das können auch etablierte Agenturen sein, die kommerzielle Aufträge annehmen, weil das Gehalt stimmt. Sie beschäftigen damit eine Person, die dann neunzig Prozent der Zeit die Projekte macht, für die sie bekannt ist. Das ist nur realistisch, und nicht beschämend. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Wichtig ist: eine Grundlage schaffen, um offen über Geld reden zu können. Nie denken: Wenn ich jetzt eine Zahl nenne, die dem anderen zu hoch ist, verliere ich den Auftrag. Ich habe schon Summen genannt, die ich selbst für unverschämt hielt. Sie wurden kommentarlos akzeptiert. Und andersrum. Also: Die Reaktion des Gegenübers sollte nicht in die eigene Preisbewertung einfließen.

Natürlich werde ich in einem Unternehmen mit hundert Mitarbeitern einen anderen Satz nennen als bei einer Einzelperson, die sich mit Stipendien über Wasser hält. Da darf man flexibel sein. Aber man sollte sich nicht davon abhalten lassen, eine Zahl zu nennen, nur weil man vermutet, sie könnte dem anderen zu hoch oder zu niedrig erscheinen. Man weiß es erst, wenn die Antwort kommt. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Die Person (der du ein Angebot gemacht hast) meldet sich nicht. Man denkt vielleicht, man hat einen Fehler gemacht. Man hat aber jetzt Raum und Zeit für eigene Initiativen. Man ist nicht gelähmt durch eine toxische Arbeitsbeziehung.

Es ist natürlich nicht schön, kein Feedback zu bekommen. Aber ich empfehle: Schick trotzdem die Zahl, die du für richtig hältst. Wenn du selbst weißt, dass es eng werden könnte, schreib dazu: Ich vermute, das ist vielleicht etwas viel für dein geplantes Budget. Ich würde gerne darüber sprechen, wie wir das gemeinsam möglich machen können. Einladen zum Gespräch. Geld ist selten wirklich das Problem. Die Frage ist immer die Priorität und das Verhältnis dazu. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Jeder, der aus der Uni kommt, muss sich fragen: Wie viel Selbstverwirklichung möchte ich in meinem Job? Manche sehr gute Designer, bei denen ich immer dachte, die müssen doch selbstständig sein, lassen sich anstellen. Manche finden ihre Erfüllung gerade darin, im Team zu arbeiten und Visionen anderer umzusetzen. Das ist vollkommen legitim. Die Uni ist ein geschütztes System. Man kann sich dort mit Dingen beschäftigen, die noch nicht viel mit der Realität zu tun haben, was zunächst toll ist. Aber diesen Realitätscheck muss man irgendwann machen: Wie viel Selbstverwirklichung durch den Beruf, wie viel durch das Privatleben?

Man kann nur enttäuscht werden, wenn man die falsche Entscheidung trifft: angestellt zu sein, obwohl man selbstständig sein will, oder umgekehrt. Selbstständig zu sein, obwohl man eigentlich das Bedürfnis nach Sicherheit hat. Das reibt einen auf. Wenn du ein Top-Gestalter bist, bedeutet das nicht, dass du selbstständig sein musst. Wenn du deine Erfüllung im Teamprozess findest und den ganzen unternehmerischen Overhead nicht willst, such dir ein Inhouse-Team, das wirklich etwas reißen will. Das gibt es. Ich will meine eigenen Ideen präsentieren und selbst entscheiden. Also muss ich selbstständig sein. Aber beides hat seinen Wert.[...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] "How to get jobs? Make it smart" ist natürlich die Antwort. Akquise ist wichtig und ich betreibe sie auch. Die Kunsthalle Leipzig hat mich nicht angefragt. Ich bin auf sie zugegangen. Ich fand, dass die eine schwache Website hatten, kannte den Ausstellungsort aus meiner Studienzeit in Leipzig und konnte es nicht zusammenbringen: Warum hat so ein beeindruckender Raum, ein riesiger White Cube direkt neben dem Bahnhof, fast wie eine Galerie in New York, eine Identity, die diesem Raum überhaupt nicht gerecht wird?

Ich hatte das Glück, kurz nach meinem Studium den Mut zu haben, einfach zu sagen: Hey, ich kenne euch, ich habe in Leipzig studiert. Ich hätte eine Idee. Nicht einfach Portfolio hinschicken und sagen: Ich finde euch toll, lass mal was machen. So kommt kaum jemand zurück. Man muss eine Idee mitbringen, eine klare Vorstellung davon, was man machen möchte. Das ist das Eintrittsticket. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Es liegt unglaublich viel Potenzial darin, selbst die Initiative zu ergreifen und sich Kunden rauszusuchen, bei denen man schon ein Bauchgefühl hat. Meistens, wenn man wirklich jemanden hat, mit dem man gerne zusammenarbeiten möchte, hat man auch schon eine Vision. Von dieser Vision zu erzählen reicht oft, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist effektiver als: Ich habe keine Aufträge, also schreibe ich jetzt hundert Museen an und frage, ob die gerade was brauchen. Da kann ich dir ziemlich sicher sagen, was zurückkommt: Vielleicht. Nein danke. Oder gar nichts. Das Allerbeste ist ein ehrliches Interesse, und darauf basierend zu handeln. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

CTP. TP. P.

→→ [...] Als letzten Tipp, nicht nur für dich, sondern vielleicht auch für alle, die das lesen: Das Wichtigste für mich war, so früh wie möglich Praktika zu machen. Und zwar nicht in großen Firmen, sondern in kleinen Studios, wo man direkt mit der Inhaberin oder dem Inhaber zusammen in Meetings sitzt und einfach alles mitbekommt. Zu sehen, wie jemand das eigene Design verkauft. Sich in so viele Prozesse wie möglich einzubringen. Das passiert fast nur in kleinen Studios. Ich habe Rechnungen gesehen, war bei Angeboten dabei, habe Mittagessen und Abende mitgemacht. Komplett in den Alltag eingebunden zu sein: Das war, rückblickend, die wertvollste Erfahrung. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Ich habe mein Studium nach dem siebten Semester aufgehört und angefangen beim Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung zu arbeiten. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, auch wenn ich jetzt keinen Abschluss habe. Es hat mir nicht geschadet, eher im Gegenteil. Ich hatte einfach eine super Chance und diese auch ergriffen. Das würde ich sowieso immer empfehlen: keine Angst vor Experimenten. ←←

→→ HANS: Ich habe mein Praxissemester bei Herburg Weiland gemacht und das hat von Anfang an ziemlich gut gepasst. Danach habe ich dann eigentlich gleich gewusst: Ja klar, wenn ich fertig bin, dann komme ich wieder hier hin – das war dann irgendwie schon ausgemacht. Da hatten wir schon Glück, dass es vorallem menschlich und natürlich auch gestalterisch auf Anhieb gut funktioniert hat. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] HANS: Designer*in sein bedeutet in unserem Kontext auch Dienstleister*in sein. Du hast immer ein Gegenüber, egal ob das jetzt ein hipper Sauerteigbäcker in Neukölln, oder irgendein mittleres Management in einem Riesenkonzern ist. Man hat immer ein Gegenüber mit dem man in den Dialog tritt. Das führt zwangsläufig dazu, dass verschiedene Meinungen aufeinandertreffen. Gegenseitiger Respekt ist wichtig. Man will als Designer*in respektiert werden und sollte dabei aber auch das Gegenüber als Experte auf dessen Spielfeld respektieren. Da geht es immer auch darum, Kompromisse zu finden, im besten Falle gemeinsam, im Sinne der Qualität. Dabei will man natürlich Haltung zeigen und für seine Arbeit kämpfen. Gerade am Anfang, frisch nach der Uni gab es bei mir schon Momente, in denen ich noch einfach wie gewohnt frei drauf los gestaltet habe, um dann zu merken, dass dem Ergebnis viel inhaltliche Qualität fehlt und am Schluss auch einfach die Argumente um zu überzeugen. Das frustriert natürlich, die Frage ist aber, was man daraus macht. Ich habe Lust bekommen es nächstes Mal besser zu machen. Für sich selbst muss man die richtige Balance finden. Inwiefern kann und will man als Designer*in auch Künstler*in sein? ←←

→→ TOM: Ja und nein würde ich auch sagen. Aber eben nicht ausschließlich. Streng genommen machst du Kunst ja nur für dich selbst. Als Designer*in hast du immer ein Gegenüber. Und dann musst du dich entscheiden: Bist du eher eine künstlerische Designer*in oder eher so ein „Ich mach dir alles recht"-Typ? Das trifft nicht nur auf Einzelpersonen zu, sondern auch auf Agenturen. Wir stellen uns genau diese Frage auch immer wieder.[...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Wir hatten sehr lange eine relativ kryptische und coole Webseite. Ganz oben unser Showreel, schnell geschnitten, und darunter ein paar aktuelle Instagram-Einträge, das war's. Dann gab es noch einen leicht verschwurbelten Text und am Ende alle Awards. Das ist ja auch eine Haltung. Wir hatten noch nicht mal unsere Leistungen aufgeführt. Niemand, der nicht super designaffin ist, konnte wissen, wer wir sind oder was wir überhaupt machen, wofür man uns buchen soll. Eigentlich nicht zu verstehen. Durch diese Positionierung von dir selbst oder deiner Agentur hast du eigentlich schon eine Aussage zu diesen Battles getroffen.[...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] HANS: Es hat irgendwie etwas Negatives, bei einem Battle – da denke ich an Krieg. Da geht es ja darum, dass es am Ende Verlierer*innen und Gewinner*innen gibt. Eigentlich sollte es in einer guten Zusammenarbeit keine*n Verlierer*in geben; es sollte nur Gewinner*innen geben. Wenn man mit einem Kund*in diskutiert, bricht man sich keinen Zacken aus der Krone, denn sie sind ja auch Expert*innen auf ihrem Spielfeld. Es ist total okay, wenn sie mal recht haben. Man muss wissen: Wo liegen die Kompetenzen auf der Kund*innenseite? Wo liegen die Kompetenzen der Agenturseite? In der bestmöglichen Zusammenarbeit wird das gegenseitig erkannt, und man wirft diese beiden Kompetenzen in einen Topf – dann gibt es gar kein Battle. Denn dann entsteht einfach ein großartiges Ergebnis, und das ist es, was man sich immer wünscht. Das findet aber nur statt, wenn die Leute sich bewusst für einen entscheiden: ganz bewusst anrufen und sagen: „Hey, lass uns mal an den Tisch hocken, ich glaube, ihr seid genau die Richtigen, und wir haben Bock, mit euch zu arbeiten.“ Ist der Match wirklich gut, gibt es auch keine Battles. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...]TOM: Im ersten Job lernen viele junge Menschen oft zum ersten Mal, was Misserfolg bedeutet. Jemand findet nicht gut, was sie machen. Das kann ein Kollege oder eine Kollegin sein. Es kann der Vorgesetzte sein oder eben jemand auf Kundenseite. Das ist erst mal neu – im Gegensatz zum Designstudium. Dort musst du mit viel Engagement an die Schule kommen, aber ab dann ist es eigentlich ein smoother ride. Dieses Scheitern im ersten Job muss man erst lernen.

Das hat auch viel mit Social Media zu tun. Alle posten: „Ich habe etwas Tolles geschafft!", „Platz eins!", „Ich habe einen neuen Superjob!" Niemand postet: „Gestern habe ich mich bei einer Agentur vorgestellt, die haben mich aber abgelehnt." Alles sehr positiv und affirmativ, eine reine Bestätigung der Erfolge. Der Algorithmus verstärkt das natürlich. Und deshalb muss man im ersten Job eben auch erst mal mit dem Scheitern klarkommen. Manche scheitern auch am Scheitern. Im Idealfall wächst man aber an der Kritik. Könnte man an den Schulen bestimmt besser beibringen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Ich war beispielsweise ein absoluter Designdespot, als ich jung war. Ich habe mich mit Leuten im Gang gestritten. Ich habe ganze Ordner vom Server gelöscht, den Papierkorb entleert und gesagt: „Ruf mich nie wieder an!" Wirklich schlimm. Das waren aber auch die Neunzigerjahre, heute ist das natürlich total anders. Damals habe ich das knallhart durchgezogen. Inzwischen sehe ich das deutlich entspannter und weiß, dass man auch anders ans Ziel kommen kann. Da kommt eben die Erfahrung ins Spiel. [...] ←←

→→ HANS: Die Ausbildung vermittelt eben nur die Grundlagen und danach eröffnen sich einfach unglaublich viele Möglichkeiten. Als Kommunikationsdesigner*in kann man in ganz unterschiedlichen Kontexten arbeiten – vom Ein-Personen-Büro bis zur großen Agentur oder auf Unternehmensseite im Konzern. Man kann künstlerisch arbeiten, Dienstleister*in sein, handwerklich tätig sein oder eher strategisch arbeiten. Diese Vielfalt wird sich in einem Studiengang vermutlich niemals abbilden lassen.

Viele praktische Erfahrungen, wie der Umgang mit Kund*innen oder direkte Kritik, lernt man eben erst im Berufsalltag. Genau das macht den Beruf spannend: Nach der Ausbildung hat man extrem viele Wege offen. Und so individuell diese Wege sind, so unterschiedlich sind auch die Prozesse und Entwicklungen, bis man seinen eigenen gefunden hat. Und nebenbei muss man sich dabei auch noch selbst finden und seine Design-Persönlichkeit finden. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] HANS: Die Ausbildung vermittelt eben nur die Grundlagen und danach eröffnen sich einfach unglaublich viele Möglichkeiten. Als Kommunikationsdesigner*in kann man in ganz unterschiedlichen Kontexten arbeiten – vom Ein-Personen-Büro bis zur großen Agentur oder auf Unternehmensseite im Konzern. Man kann künstlerisch arbeiten, Dienstleister*in sein, handwerklich tätig sein oder eher strategisch arbeiten. Diese Vielfalt wird sich in einem Studiengang vermutlich niemals abbilden lassen.

Viele praktische Erfahrungen, wie der Umgang mit Kund*innen oder direkte Kritik, lernt man eben erst im Berufsalltag. Genau das macht den Beruf spannend: Nach der Ausbildung hat man extrem viele Wege offen. Und so individuell diese Wege sind, so unterschiedlich sind auch die Prozesse und Entwicklungen, bis man seinen eigenen gefunden hat. Und nebenbei muss man sich dabei auch noch selbst finden und seine Design-Persönlichkeit finden. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Ich finde, das Wichtigste ist eigentlich ein klar formuliertes Ziel auf Kundenseite. Man kann über alles reden, viele Sachen dürfen auch schwammig und gefühlt sein. Aber man muss wissen, in welche Richtung man laufen will. Und das kann keine Agentur für dich entscheiden. Als Designteam mit einem guten Skillset kann man eigentlich alles möglich machen. Die besten Briefings sind im Detailgrad eher grob, haben aber eine klare Aufgabenstellung und Zielführung. Ab dann zieht sich der ideale Kunde stark zurück, weil er ja mit uns Profis an der Hand hat, die wissen, was sie tun. Die schlausten Menschen überlassen den Profis den Job. Ich stehe ja auch nicht neben dem Elektriker und sage: „Bohr doch noch ein bisschen tiefer. Nee, jetzt noch ein bisschen links. Nimm doch erst den kleinen Schraubenzieher." Warum auch? Das gilt eigentlich für jeden Beruf auf der Welt.

Wir haben mal eine Zeit lang für die Swiss Re gearbeitet. Da gab es diesen Chef, alte Schule, Chilizüchter in der Freizeit, und er hat einfach zu uns gesagt: „Ihr seid die Profis. Ich halte mich komplett raus. Ihr wisst ja, was wir wollen." Es ging um interne Mitarbeiterkommunikation. Er hat gesagt: „Ich möchte gerne, dass alle ein bisschen näher zusammenrücken. Ich möchte gerne, dass man bei uns in den Gängen irgenetwas erleben kann usw., dass es nicht so kahl und karg ist, allgemeine gesellschaftliche Themen, ein bisschen den Horizont erweitern." Das war sein Briefing, und dann hat er nie wieder irgendetwas gesagt. Er hat sich das natürlich angeschaut, kritisch, aber er hat nichts dazu gesagt, weil er uns vertraut hat. Und das ist nicht nur der ideale Kunde, sondern das ist eigentlich auch der ideale Chef. Du stellst dir dein Team gut auf, und dann musst du nicht mehr viel machen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: So divers der Beruf ist, so divers sind natürlich auch die Verdienstmöglichkeiten. Es ist wahnsinnig individuell, und da spielen ganz viele Dinge mit rein. Im Optimalfall trifft man einen guten Arbeitgeber und fängt dort an, weil man sich sagt: „Hey, die Leute gefallen mir." Man weiß ja ungefähr, wie viel andere verdienen, man kann das einfach recherchieren. Da geht es dann meist nur um ein paar Hundert Euro runter oder hoch. Und die verhandelt man dann. Je älter du bist, je mehr du kannst, je länger du arbeitest, desto mehr Geld bekommst du. Das ist eigentlich eine ganz einfache Rechnung. Und wenn du super, super gut bist, dann kannst du auch ein bisschen höher pokern.

Bei uns kommt es auch immer darauf an, wer der Kunde ist. Wir machen zum Teil die gleiche Webseite für das Zehnfache an Honorar. Die gleiche Arbeit, die gleiche Kreativleistung, die gleiche Programmierleistung. Ist es zum Beispiel ein großer Immobilienkonzern mit längeren Abstimmungsprozessen und auch einem größeren finanziellen Nutzen? Oder ein einzelner Architekt oder eine Architektin, der oder die sich gerade selbständig macht? Das macht schon einen Unterschied. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Mach dir am besten ein kurzfristiges, mittelfristiges und langfristiges Ziel und sei utopisch. Wenn du der beste Designer oder die beste Designerin der Welt werden willst als langfristiges Ziel – why not? Du musst dir Ziele setzen, weil sonst treibst du wie ein Blatt im Fluss. Man sollte nicht alles dem Zufall überlassen, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen. Es gibt niemanden, der das für einen macht. Du bist auf dich selbst gestellt, und ich glaube, dass man einfach wahnsinnig viel investieren muss. Nicht Geld, aber Interesse, Fleiß, Zeit. Ich glaube, man muss vor allem in Zeiten wie heute extrem über den Tellerrand hinausschauen. Unser Beruf ist im Wandel, wie fast alle Berufe, und niemand kann aktuell sagen, wohin uns die Entwicklung führt.

Zu der aktuellen Diskussion, wie viel man arbeiten sollte – vierzig Stunden, Viertagewoche etc.: Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, dann muss man auch richtig investieren. Wenn du eine geniale Idee hast und das Ganze hat nur fünf Minuten gedauert – perfekt, nimm dir den Rest vom Tag frei. Aber um dahin zu kommen, dass man das überhaupt in fünf Minuten schafft, musst du eben vorher diese zehntausend Stunden investieren. Die Entscheidung liegt bei dir: Du kannst das in einer Viertagewoche machen, dann dauert es vielleicht, bis du 38 bist. Du kannst es aber auch in einer Siebentagewoche machen. Dann bist du mit 25 vielleicht schon da. Das Investment kann man nicht skippen. Up to you.[...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Genau, die AI-Revolution, das kann man schon so sagen, denke ich. Die Umwälzungen sind wirklich gravierend. Ich kann mich aber auch noch gerade so an die sogenannte DTP-Revolution erinnern, also die Desktop-Publishing-Revolution, wo alle Prozesse von analog auf digital umgestellt wurden. Das war damals auch ein Quantensprung. Vorher musste man, um ein Layout zu machen, aus einem Schriftmusterbuch, in dem Schriftarten in verschiedenen Größen und Zeilenabständen abgedruckt waren, mit einer Schere alles so breit, wie deine Spalte sein sollte, ausschneiden. Dann auf eine Pappe aufkleben. Jede Spalte. Dann die Bilder dazu. Für jede einzelne Seite. Dann kamen diese Pappen in die Litho, die dort alles mit einer Maschine nachgesetzt hat. Muss man sich mal vorstellen, wie lange das gedauert hat.

Jetzt stell dir vor, man macht das Ganze auf einem Rechner. Das ist Lichtgeschwindigkeit im Vergleich. Diese Zeitersparnis ist jetzt durch AI-Hilfe wieder ganz ähnlich. Du kannst ein komplexes Bild illustrieren oder es eben in zwei Sätzen prompten und bekommst ein unmittelbares Ergebnis. Das ist einfach ein unglaublicher Speed-Zuwachs. Denk mal an Animation. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Wir haben uns während des Studiums in Amsterdam an der Gerrit Rietveld Academie kennengelernt. Beide waren wir, würde ich sagen, nicht ganz typisch für die Szene. Es gab damals den Begriff des „Autorendesigns“ – die Idee, aus dem Studium heraus primär für sich selbst zu arbeiten, oft weniger angewandt. Viele gingen auch in andere Bereiche.

Wir haben schon während des Studiums gemerkt, dass wir gerne gemeinsam Projekte entwickeln möchten, und erste Jobs zusammen umgesetzt – unter anderem eine Website für ein Ministerium in Oslo. Dabei wurde schnell klar, dass uns die Zusammenarbeit liegt.

Die Anfangsphase war, wie bei vielen, von Herausforderungen geprägt: Zeitmanagement, Kalkulation, Risiken. Gleichzeitig war die Zusammenarbeit sehr intensiv – sowohl beruflich als auch persönlich. Rückblickend hatten wir Glück, dass die Projekte in Skandinavien vergleichsweise gut bezahlt waren und die Lebenshaltungskosten in Berlin damals noch niedrig.

Eine wichtige Frage war von Anfang an: Welche Projekte wollen wir machen? Wir haben beispielsweise auch für eine Ölfirma gearbeitet, weil das finanziell attraktiv war. Gleichzeitig haben wir uns relativ früh gefragt, ob wir das langfristig vertreten wollen, und uns entschieden, diesen Bereich wieder zu verlassen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Das ist ein zentrales Thema. Im Studium wird oft vermittelt, dass man als Gestalterin seine Position konsequent vertreten sollte. Weniger thematisiert wird, wie man mit Auftraggeberinnen arbeitet oder wie man solche Prozesse moderiert. In der Praxis ist jedes Projekt anders. Die Zusammenarbeit mit einer Künstlerin unterscheidet sich grundlegend von der mit einem kommerziellen Auftraggeber. Auch kulturelle Unterschiede spielen eine große Rolle. In den Niederlanden etwa wird Gestaltung stärker als kollaborativer Prozess verstanden als in anderen Kontexten.

[...] Wichtig ist, Erwartungen so früh wie möglich zu klären – etwa durch Gespräche oder Workshops. Gleichzeitig braucht es klare Absprachen, zum Beispiel in Bezug auf Zeitpläne. Wenn diese nicht eingehalten werden, kann ein Projekt schnell aus dem Gleichgewicht geraten. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Die Vorbereitung ist dabei immer individuell und hängt stark vom Budget ab. Bei kulturellen Projekten arbeiten wir oft mit kleineren Budgets oder investieren mehr Zeit im Vorfeld. In anderen Kontexten – etwa bei kommerziellen Auftraggebern – sind solche Leistungen klar definiert und entsprechend bezahlt. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Das ist stark projektabhängig. Oft gibt es kein fertiges Briefing, sondern man muss gemeinsam mit dem Auftraggeber herausarbeiten, worum es eigentlich geht.

Ein erster Schritt ist meist ein Gespräch. In vielen Fällen schlagen wir zusätzlich Workshops vor, etwa bei Branding- oder Webprojekten. Diese helfen, Erwartungen zu klären und können auch als eigenständige Leistung vergütet werden. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Wichtig ist, klare Vereinbarungen zu treffen. Zum Beispiel: Was passiert, wenn ein Projekt vorzeitig beendet wird? Solche Punkte sollten im Angebot oder Vertrag geregelt sein.

Auch die Kalkulation ist etwas, das man mit der Zeit lernt. Es gibt Richtwerte, aber letztlich muss man herausfinden, was für die eigene Praxis funktioniert. Dabei spielen Faktoren wie Projektart, Auftraggeber und eigene Kosten eine Rolle. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Der Wert der eigenen Arbeit entsteht über mehrere Faktoren: Qualität, Erfahrung, Auftraggeber, aber auch über die Struktur des eigenen Studios. Ein größeres Team kann andere Projekte realisieren als ein kleines.

Gleichzeitig muss man die eigenen Kosten kennen und überlegen, wie man langfristig arbeiten möchte. Viele entwickeln ihre Preise über die Zeit schrittweise weiter.

Auch die Art der Arbeit spielt eine Rolle. Technisch spezialisierte Leistungen werden oft anders bewertet als klassische Gestaltung. Das hängt stark davon ab, wie austauschbar eine Leistung wahrgenommen wird. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Die erste Phase nach dem Studium sollte man nutzen, um möglichst viel auszuprobieren. Es ist nicht notwendig, sofort einen klaren Plan zu haben.

Netzwerke, Gespräche und Erfahrungen helfen dabei, eine eigene Position zu entwickeln. Oft ergeben sich Dinge erst im Prozess.

Vielleicht ist das Wichtigste: Interesse behalten und Freude an der Arbeit haben. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Niemand kann alles – entscheidend ist, wo die eigenen Stärken liegen. Gleichzeitig spielt die persönliche Ebene eine Rolle, besonders in kleinen Teams, in denen man eng zusammenarbeitet.

Kommunikation ist dabei zentral, gerade im direkten Austausch mit Auftraggeber*innen. Diese Fähigkeiten entwickeln sich oft erst über die Zeit. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, in welchem Bereich man arbeiten möchte und welche Perspektiven dieser bietet. Gleichzeitig verändert sich das Feld aktuell stark. Kenntnisse im digitalen Bereich, etwa in Screen Design oder Motion, sind heute essenziell. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Pool Practice

→→ [...] CLAUDIA: Wir haben zusammen in Zürich studiert und sind beide nach dem Studium direkt in Praktika gestartet. Nach dem Studium bin ich nach London gezogen. Ich war damals sehr unvorbereitet, bin einfach mal gegangen und habe dann dort vor Ort geschaut, was ich finden kann. Nach ein paar Monaten habe ich dann ein Praktikum gefunden. Zudem habe ich immer noch für einen Freund Freelance-Arbeit gemacht. Aber das war sehr sporadisch, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ich machte insgesamt zwei Praktika, bevor ich eine Festanstellung gefunden habe. ←←

→→ LISA: Während dem Studium habe ich parallel wie Claudia die ersten Freelance Jobs gemacht. Das waren kleine Aufträge für den Freundeskreis, Bekannte, sowas halt. Nach dem Studium bin ich dann für mein Praktikum nach Berlin gekommen. Praktika waren damals generell nur schlecht bezahlt, das war finanziell schon schwierig. Und danach habe ich wie Claudia in einer Agentur eine Festanstellung gekriegt. Diese war Teilzeit, also vier Tage die Woche, und ich habe parallel immer noch selbstständig gearbeitet. ←←

→→ CLAUDIA: Ja, vom Mindestlohn konnten wir damals bei Praktika nur träumen. Ich habe auch für drei Monate in einem Studio gearbeitet, wo mir nur das Ticket, um zur Arbeit zu fahren bezahlt wurde – habe aber direkt neben dem Studio gewohnt, deswegen war das de facto gar nichts. Und beim anderen Praktikum habe ich 120£ die Woche bekommen. Umso wichtiger war es, möglichst viel aus diesen Praktika mitzunehmen, um dann auch bald einen Job als Designerin zu ergattern, wovon man auch leben konnte. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] CLAUDIA: Bei mir war die Situation so, dass ich keine Arbeiten zeigen durfte. Alle Projekte der vergangenen 10 Jahre gehörten der Agentur, was vertraglich so geregelt war. Wir hatten also noch kein gemeinsames Portfolio, das mussten wir uns erst erarbeiten. In dieser ersten Phase haben wir auch mal einen Auftrag als Tauschgeschäft gemacht: für Tissair haben wir eine Identity gestaltet und er hat uns im Gegenzug Sounds für unsere Webseite erstellt. ←←

→→ LISA: Es war ein bisschen schwierig, ohne Portfolio Aufträge reinzuholen. Was wir immer versuchen ist, das Netzwerk zu nutzen und aktiv Akquise zu betreiben. Also zum Beispiel Leute, mit denen du arbeiten willst, persönlich anzuschreiben, und sagen, du hast Interesse für sie zu arbeiten. Aber oft läuft es so: man kennt Leute, man wird empfohlen, jemand hat deine Arbeit gesehen und fand die gut. Und dann kommt die Frage: “Macht ihr das auch” oder “könnt ihr das auch”? Ich glaube, gerade wenn man direkt vom Studium kommt, würde ich erstmal empfehlen, einfach immer alles zu machen. Also solange es vertretbar ist. Aber ich glaube, Aufträge abzulehnen, nur weil es nicht ganz der perfekte Job ist oder so, das würde ich nicht empfehlen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Der Idealfall ist immer, dass man direkt am Anfang kurz spricht und versteht, was das Gegenüber eigentlich will. Also das heißt, man muss verstehen, was sind die Bedürfnisse auf Auftraggeber*innenseite. Vielleicht steht schon fest, was für Medien benötigt werden. Das ist wichtig, um abzuschätzen, was der Aufwand sein wird. Wichtig ist auch zu wissen, was sind die Vorgaben? Gibt es Dinge, die fix sind? Und was sind Freiheiten, damit geklärt ist, was der Spielraum ist. Und ich glaube am Anfang ist es auch gut, eine klare Struktur oder auch einen Zeitplan zu haben. Und gut ist es auch, wenn man die Anzahl Korrekturrunden bespricht. Es lohnt sich aus Erfahrung hierzu absichern. ←←

→→ CLAUDIA: Und falls Auftraggeber*innen ein fixes Budget haben, dann ist es gut, das zu kennen. Für ein kleines Budget kriegt jemand dann eben nicht drei Entwürfe, sondern nur einen. Ein persönliches Gespräch ist bei sowas immer das Beste. Und im Angebot fassen wir das Besprochene dann nochmals zusammen. Dabei geht es darum, sicherzustellen, ob wir das Briefing richtig verstanden haben. Und das Gegenüber kann dann darauf reagieren, falls etwas nicht passt. ←←

→→ LISA: Wir versuchen, unsere Angebote möglichst übersichtlich zu machen. Es gibt eine kurze Zusammenfassung und eine Auflistung der einzelnen Posten und die Anzahl Stunden oder Tage, die wir ungefähr für diese einrechnen. Und dann setzen wir noch eine Project-Fee drauf, weil auch Sachen wie E-Mails schreiben und Ähnliches anfällt. Das wird gerne vergessen im Prozess. Aber grundsätzlich ist es auch einfach für beide Seiten wichtig, dass man alles immer schriftlich festhält. Das hat mich schon gerettet: es gab mal einen Auftraggeber, der nicht bezahlt hat und das Schriftliche war dann ausschlaggebend, um noch an das Geld zu kommen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Wir haben dazu einen guten Vortrag von Vanessa Olt beim Forward Festival gehört: eigentlich sind es fünf Kriterien, anhand dessen man den Wert eines Auftrags messen kann. Das erste ist Geld, das ist wohl das Naheliegendste. Also ist es gut oder schlecht bezahlt? Der zweite Punkt ist der zeitliche Aufwand: ist es ein Job, den man relativ schnell machen kann? Dann die Frage nach der Relevanz. Und die Frage, ob der Job Spaß macht oder nicht. Also wenn du ein Jahr lang einen Job machst, der dir keinen Spaß macht, ist es was anderes, als wenn du mal eine Woche lang etwas machst, was vielleicht nicht so dein Lieblingsding ist, aber dafür gut bezahlt ist. Und dann gibt es noch den Purpose und das ist ja ganz individuell. Also vielleicht ist es ein Projekt, was einem guten Zweck dient oder etwas betrifft, das dir wichtig ist? Das sind fünf gute Kriterien, wo man beispielsweise sagen kann, wenn drei davon stimmen, dann kann man allenfalls die anderen beiden vernachlässigen. Für uns hat das jedenfalls viel Sinn gemacht. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Ich finde, das Spannende an Design ist, dass man immer auf etwas oder auf jemanden reagiert. Und dass man Grafikdesign überprüfen kann, oder? Ich glaube, wenn man ein Projekt sieht, kann man durchaus sagen, ob es funktioniert. Verstehe ich, worum es in der Ausstellung geht oder auf dem Plakat oder eben nicht? Oder komme ich zurecht auf der Website? Manchmal kann eine Website anstrengend und trotzdem gut gelungen sein, weil es zum Inhalt passt. Grafikdesign kommt immer auf den Kontext drauf an. Ein Leitsystem etwa muss einfach funktionieren und das ist dann halt nicht der Moment, wo man sagt, ich will einen ultra verrückten Font nehmen. ←←

→→ CLAUDIA: Aber Grafikdesign muss Spaß machen. Ich finde, es muss unterhalten und sollte das Zielpublikum ein bisschen herausfordern. Gestaltung ist immer dann spannend, wenn sie funktioniert, aber auch etwas Innovatives dabei ist und man denkt: Das überrascht mich jetzt. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Die Realität ist nun mal so, dass der kreative Design-Part im Arbeitsalltag vielleicht so zwanzig Prozent der ganzen Arbeit ausmacht. Der Rest besteht aus abarbeiten, ein Design ausarbeiten und auf diverse Medien und Formate ausrollen, Korrekturrunden, Überarbeitungen, Produktionserklärungen machen etc.. Das kann für jemanden der frisch von der Uni kommt erst mal ein bisschen ernüchternd sein. Auf der anderen Seite ist es aber super wichtig, auch diese Abläufe zu beherrschen und lieben zu lernen. Sonst wird man nicht glücklich in diesem Beruf. ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ CLAUDIA: Mein Tipp ist es, Lust und Herzblut mitzubringen. Ich würde dazu raten, in Büros arbeiten zu gehen. Erstmal. Wenn man in die Arbeitswelt kommt, gibt es ganz viele Dinge, die man noch lernen muss, auch was Arbeitsstrukturen und -abläufe angeht, oder wie man E-Mails formuliert, die eigene Arbeit präsentiert oder Projekte aufbereitet. Man kann im Studium gar nicht alles lernen. Man muss sich bewusst sein, dass man auch danach ständig dazulernen muss. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Shortnotice Studio

→→ [...] Und dann habe ich am ersten Tag Mathias getroffen und wir haben uns gar nicht verstanden. Er war ein paar Jahre älter. War schon in Berlin. Ich bin aus der Kleinstadt in die mittelgroße Stadt Karlsruhe gezogen. Hatte keine Ahnung, was mich erwartet und wir hatten gar keine gemeinsame Baseline eigentlich. Und der ist dann auch erstmal wieder abgehauen, weil seine Residency in Berlin ging länger und er ist dann ein Jahr danach – es gibt immer so einen Ein-Jahres-Turnus an der Hochschule – mit eingestiegen, war dann quasi wie so ein Semester oder ein Jahr unter mir. Das heißt, wir hatten auch kaum in dem Foundation-Jahr miteinander zu tun. Wir haben uns auf Partys ganz gut verstanden und irgendwie so ein bisschen abgehangen, aber nie so aktiv. Wir haben nicht die Nähe oder den Kontakt gesucht. Du weißt ja, wie es ist. Mit manchen Leuten trifft man sich irgendwie aus Versehen immer wieder und das auf den gleichen Veranstaltungen und hat einen netten Plausch und dann hört man irgendwie vier Wochen nichts mehr voneinander. Dann haben wir unser Diplom angefangen zu machen und ich saß mit ihm in einer Bar noch mit anderen Leuten und er meinte dann so: Ja, ich brauche Hilfe. Ich kriege es nicht alleine hin. Und fast schon rhetorisch habe ich gesagt: Ja, ich kann dir ja helfen und hatte eigentlich gehofft, dass er es nicht annimmt. Und dann? Dann hat er das Angebot aber angenommen. Und dann haben wir tatsächlich gemerkt: Hey, wir können ja nicht nur gemeinsam feiern gehen, sondern wir können auch gemeinsam arbeiten. Und das hat sich total gut ergänzt.

Das ganze Studium über war ich sehr auf einer ganz klassischen, printlastigen Swiss-Heavy-Graphic-Design-Schiene unterwegs und habe mich da auch sehr sicher gefühlt und wollte da auch nicht so ausbrechen. Zu der Zeit hat sich das angefühlt wie das kann ich, das interessiert mich, das möchte ich machen. Und Mathias war immer schon etwas offener und freier unterwegs mit den Projekten, die er im Studium gemacht hat. Deshalb haben wir uns inhaltlich nicht so sehr überschnitten. In der ersten Zusammenarbeit haben wir gemerkt: Hey, genau das, was der andere macht, brauchen wir eigentlich voneinander. Diese Differenz hat so gut zusammengeklickt, dass wir ein paar Monate später einfach, wirklich ziemlich voreilig entschlossen haben: Hey, lass einfach ein Studio gründen. Wir haben das ein bisschen mitgekriegt, auch im Umfeld, dass andere Leute das gemacht haben. Und wir waren extrem, wirklich extrem gelangweilt davon, wie lange das zum Teil dauert, sich für einen Namen zu entscheiden und irgendwie zu überlegen, was will man eigentlich machen? So sehr, dass wir uns entschieden haben, es muss alles an einem Tag entschieden werden. Der Name, das Firmenlogo, eine Mini-Webseite und einmal einen Satz, den man sich irgendwie hinknallen kann. Das haben wir dann auch durchgezogen. Gegen die Idee, dass man Sachen auf eine bestimmte Art machen muss, damit sie auch gut sind. Das ist eigentlich der Anfang. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Im Studium hat man natürlich wichtige Sachen und auch spannende Sachen gelernt, die sich aber alle auf Gestaltung als künstlerische Praxis beziehen, weniger auf Gestaltung als Beruf, der mir Geld aufs Konto bringt. Und das betrifft natürlich alles von: Wie mache ich überhaupt ein Angebot? Kann ich als soloselbstständige Person arbeiten? Was bedeutet eine Steuernummer und eine Steuer-ID? Also komplett die Basics bis hin zu: Wie kann ich mich so positionieren, dass ich meine Ideen auch in einer Art Verkaufsgespräch vertrete, was ja Präsentationen mit Kundinnen in der Theorie oftmals sind. Wie kann ich meinen Wert selbst erkennen und etablieren? Wie kann ich überhaupt irgendwas machen, was über ”ich mache jetzt irgendwie ein cooles Poster” hinausgeht? Das hat uns total gefehlt. Aber dadurch, dass man ja auch nicht weiß, wie viel man nicht weiß, hat man da auch nicht so mega die Angst vor. Deshalb hatten wir da am Anfang natürlich Schwierigkeiten, aber nicht so, dass man dann gemerkt hat: Oh, da weiß man ja so wenig, dass man damit gar nichts machen kann. Sondern es war immer so: Hey, jetzt kommt der Moment, wo man Angebote schreibt. Dann sind die ersten Angebote viel zu günstig. Und das ist immer noch ein Problem. Kurzes Framing zu allen meinen Aussagen. Ich sage auch nicht, dass du irgendwas davon zu 100% gelöst haben wirst. Es ist ein Ongoing-Ding. Wir sind ja auch noch relativ jung und das ist immer ein Thema und ich glaube, das hätte ich gerne gewusst. Das wird einem bewusst nach so ein paar Jahren, dass man da immer dazulernen und sich weiterentwickeln muss. Um auch Fehler, die passieren, nicht noch mal auftauchen zu lassen oder auch mit immer komplexer werdenden Strukturen umgehen zu können. Ja, je nachdem, auf welchen Skalen man eben arbeitet. Und auch ein bisschen mehr Offenheit dazu hätte ich mir gewünscht. Vor allem im Kontext zu zum Beispiel Inputvorträgen in der Uni von Leuten, oder Studios, die vorbeikommen und ihr Portfolio präsentieren oder ihre Arbeit präsentieren. Was ich immer total spannend und schön fand. Was mir aber oft gefehlt hat, ist Realitätsbezug oder so ein bisschen Behind the Scenes. Da ist es uns extrem wichtig. Deshalb machen wir das auch total viel und gerne. Das war für uns auch sofort klar, dass wir mit dir sprechen können. Diesen offenen Austausch pflegen wir in Vorträgen, die wir machen. Den pflegen wir, wenn wir Seminare geben. Und ich glaube, das hat sich auch schon extrem gewandelt. Also ich glaube, dieses so total shiny nach außen cleane Dokumentation, ist gar nicht mehr so das Ding. Zu unserer Studienzeit war das eigentlich 99% Prozent der Fälle so, ein Studio kam rein, hat super coole Sachen gezeigt, man saß als Studierende da und war so okay, aber wie zur Hölle soll ich denn jemals an diesen Punkt kommen? Von den Designskills mal ganz abgesehen. So was Cooles kann ich nie machen, da komme ich nie hin. Und diese ganze Frage drumherum, dass auch Struggles dabei sind und Zweifel und auch Sachen schiefgehen, das hat einfach komplett gefehlt. Wir haben nur so eine Oberfläche präsentiert bekommen. Das hätte ich gerne anders gehabt. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Tipp Nummer eins: Immer erstmal eine Konversation haben, bevor man Angebote schickt. Selbst wenn die Anfragen per Mail kommen und zum Teil schon gut ausformuliert sind und man theoretisch schon ein Angebot machen könnte: Wie fühlt sich das Gespräch an? Werde ich in meiner Position insgesamt schon auf eine Art Ernst genommen? Ist Verständnis dafür da, dass ich eine Leistung verbringe, die potenziell einen Mehrwert bringt und dann auch so was auszuhorchen wie: Habt ihr einen Förderantrag, auf dessen Eingang noch warten müsst? Ist es ein gewinnbasiertes Unternehmen und deshalb ist Geld da? Gründet sich gerade irgendwie jemand neu, braucht eine CI und ist eigentlich gar kein Geld da? Also so ein bisschen herauszuhorchen: Wie steht es denn im Finanziellen insgesamt und wie sehr ist das Wissen und die Wertschätzung für Design? Wie habt ihr bisher grafische Prozesse erlebt? Man gibt vor, das wäre das Gespräch, um dem Kunden zu erlauben, einen kennenzulernen. Aber letztlich ist es eigentlich ein bisschen andersrum und es ist ein Aushorchen.

Empfohlen wird eigentlich zum Beispiel nicht, dass man unterschiedliche Tages- oder Stundensätze hat. Ja, aber die Realität sieht dennoch so aus, dass man sie häufig anpasst. Aber ich versuche trotzdem mal bei dem einen Punkt zu bleiben. Unser Tagessatz momentan ist wahrscheinlich immer noch viel zu niedrig, aber wir sind gerade bei 600€. Ich weiß auch, das ist aus Studierendenperspektive erst mal sehr viel Geld. Wenn man das Ganze aber durch drei teilt und dann die Steuer abzieht und Fixkosten abzieht, bleibt davon wahrscheinlich nicht mehr sehr viel übrig. Zumal man auch fix davon ausgehen kann, dass niemals jeder Werktag im Monat abzurechnen ist. Die interne Arbeit, Buchhaltung, das Studio putzen… So, dann muss man doch noch mal irgendwo hinfahren, irgendwelche Sachen abholen, dann hat man mal einen Zahnarzttermin, dann geht eine Besprechung länger, dann sind Vorabmeetings, die zu keinem Job führen, die unbezahlt sind, natürlich. Das heißt, die wirklich abrechenbare Zeit am Tag, die ist eigentlich relativ klein. Und selbst wenn man es dann schafft, den Tagessatz abzurufen und genau in der antizipierten Zeit, die man angegeben hat, zu bleiben, dann kommt man bei einem Stundensatz raus. Die Realität ist aber häufig, dass man tendenziell etwas länger braucht, als man denkt, weil einfach sehr viele Faktoren unvorhergesehen sind. Kommen zum Beispiel Inhalte verspätet für ein Buch oder sind total fehlerbehaftet, dann sind’s halt nicht zwei Korrekturen, sondern acht. Und dann kannst du auch nicht sagen, ja, sind jetzt halt zehn Tage mehr. Wenn das Budget insgesamt nur zehn Tage ist. Es ist jetzt ein extrem krasses Beispiel natürlich. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Gefühlt wird man immer in die negativste Ecke gesteckt. Künstler*in ist man, wenn man nicht schnell genug oder präzise genug herausfühlen kann, was der andere will. Und Dienstleister*in ist man, wenn man nicht genau den Ton trifft, den man treffen soll. Also so ein bisschen dazwischen. Aber ich würde trotzdem sagen, zum allergrößten Teil sind wir da wirklich irgendwo in der Mitte mit Schwenk nach links und rechts. Was aber auch für uns total fein ist, weil wir, glaube ich, uns in einem dieser Pole nicht wohlfühlen würden und es aber auch anstrengend ist, immer sehr Artist zu sein und mal gut ist, Sachen abzuarbeiten. Mal Dienstleister*in zu sein ist auch völlig in Ordnung, weil am Ende ist es auch einfach Arbeit. Die ganze Erfüllung aus dem Job heraus zu bekommen ist natürlich schwierig, auch wenn wir das häufig versuchen. Irgendwann lässt man auch ein bisschen sein Ego los. Es ist nicht jeder Job mehr das Baby und nicht alles muss krass sein. Es ist aber auch sehr schmerzhaft. Also fand ich zumindest eine längere Zeit. Wenn man es aufbereitet, für einen Post oder für das Portfolio. Man sieht, dass es noch viel spannender wäre, wenn die uns einfach hätten machen lassen. Mittlerweile ist mir das ein bisschen egal. Aber ja, am Anfang war ich so: Oh man, irgendwie die Studierenden, die ich noch kenne oder von anderen Unis, die machen so so krasse Sachen. Sieht so cool aus. Aber ja, okay, wenn es halt nicht angewandt ist, dann kannst du gestalten, was du gestalten willst und dann ist kein Reality Check dabei. [...]

→→Im Studium gab es eine intensive Konzeptphase. Es wurde extrem viel Wert auf Konzept gelegt und extrem viel in die Tiefe gegangen. Wenn man ehrlich ist, hat man selbst da häufig nicht alles in der Gestaltung wiedererkannt, wenn man es nicht wusste. Also wenn ich jetzt nicht in der Semesterpräsentation nebenan stehe und meinen Konzepttext vortrage, hätte man vielleicht nicht diese ganzen Punkte darin gesehen. Und dann kommt natürlich auch dazu, dass wenn man Auftragsarbeiten zusammen bearbeitet, man die Inhalte nicht immer 100% beeinflussen kann. Genau deshalb würden wir uns da in dem Spektrum auf jeden Fall auch – nervige Aussage – sehr fluide verorten, weil es ändert sich die ganze Zeit, je nach Auftrag und auch je nach Laune. Und auch wenn man mal nicht so Bock hat, dann macht man eher Dienst nach Vorschrift, um sich dann auch erlauben zu können, zu einem anderen Zeitpunkt mal mehr Energie und Effort da mit reinzubringen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Da gibt es auch keine Lösung. Bei manchen Prozessen haben wir so vorgefertigte PDF-Sheets für die Kundinnen, so kann man zum Beispiel sagen: so und so müssen Inhalte vorbereitet werden. So und so möchten wir gerne, dass ihr die Korrekturen im Acrobat Reader kennzeichnet, damit es nicht komplett chaotisch wird. Aber für jedes Szenario, was man vorbereiten kann, gibt es wieder zwanzig, die nicht vorzubereiten sind. Ja, und dann wird die Übersetzerin krank oder der Autor springt ab. Man kann es sich nicht vorstellen. Es ist jedes Mal immer wieder irgendwas. Immer. Wir sind halt alle Menschen. Und weil bei vielen Gestaltungsprojekten einfach sehr viele Menschen beteiligt sind und diese Human-Error-Quote ist einfach zwanzig, dreißig Prozent wahrscheinlich. Das summiert sich. [...]

Es hängt auch sehr stark von der Persönlichkeit der Kund*innen ab. Manche Leute lieben es, eine Vorschrift zu bekommen, wie sie Sachen vorzubereiten haben. Andere fühlen sich davon extrem überrumpelt und finden es auch total unsexy. Deshalb wünschte ich, wir hätten da auch ein fixes System. Was wir aber tun, ist zumindest auf unserer Seite Ordnung zu halten: unsere Ablage, unsere Ordnerstrukturen, unsere Verwaltung sind extrem gestreamlined. Sobald bei uns Sachen abgelegt werden, gibt es ein ganz, ganz klares System, nach dem alles funktioniert. Wir haben Jobnummern, also Jobnummer 100 zum Beispiel, der Ordner heißt 100, darin ist ein Admin-Ordner, da ist ein Ordner, wo die Inhalte reingelegt werden, da ist ein Design-Ordner, Druck-Ordner. 100 ist auch das Kürzel für unsere tolle App, mit der wir unsere Zeit tracken. 100 ist auch jeder Kalendereintrag, der eingetragen ist zu diesem Auftrag. Also nur als Beispiel. Diese ganzen Anknüpfungspunkte erlauben eben auch, dass wir im Team switchen können, wer woran arbeitet. Wir haben immer einen Projektmanager bei uns, der die Verantwortung übernimmt in der Kommunikation. Aber wir delegieren dann, wo es möglich und nötig ist, auch an jeweils andere Personen weiter, wenn wir Support brauchen oder mal eine Abwechslung. Was von außen kommt, kannst du nicht verhindern. Du kannst dich nur irgendwie adaptieren, indem du intern Strukturen und Grundlagen festlegst, die dir ermöglichen, das abzufedern. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Ich war echt so: Hey, kein Mensch, kein Mensch wartet auf eine weitere Gestalterin, die nach Berlin kommt. Aber hier in Karlsruhe bleiben bringt halt auch nichts. Zumindest für die Übergangszeit suche ich mir halt einen Freelancejob, um irgendwie anzukommen. Irgendeine Grundlage zu haben, finanziell. Und dann schauen wir mal. Mathias war in der Zeit auch in London. Und tatsächlich, so nervig es klingt, habe ich es dann geschafft, relativ schnell in dieser Berlin-Design-Bubble Leute kennenzulernen. Einfach weil ich für dieses andere Studio gearbeitet habe und in diesem Studio-Raum sehr viele andere Designstudios waren. Ja, und Matthias war in London und hat über das andere Studio und über seinen Partner, der auch Künstler ist, einfach relativ viele Artists in London kennengelernt. Ist auf jede Veranstaltung, auf jede nervige Vernissage gerannt, auch wenn man eigentlich nur einen Wein abgreifen wollte. Egal. Trotzdem hingehen. Dann hat es sich so ergeben, dass wir diese beiden Bubbles aufgebaut haben. Und ähnlich wie unser Studienstart, hatten wir in unseren Netzwerken eine relativ geringe Überschneidungsmenge. Also als Studio haben wir natürlich ein sehr breites Feld, aber ich kenne immer ganz andere Leute als Mathias und gemeinsam kennen wir eigentlich tatsächlich gar nicht so viele Leute und das ist einfach ein extrem großer strategischer Vorteil. Der sich aber leider nicht so wirklich planen lässt. Ist einfach ein bisschen eine Zufallssituation, eine sehr glückliche Situation. Aber die hat eben verursacht, dass wir aus diesen beiden Feldern entweder Supportanfragen bekommen haben, so: Hey, kannst du mich unterstützen bei dem Projekt oder: Hey, ich bin Künstler, ich will eine schnelle Artist-Website, hättet ihr Bock das zu machen für 200 Pfund? Und wir so? Ja, natürlich. Machen wir sofort! Wir konnten, wir können ja immer noch nicht coden. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] 2020 haben wir wirklich angefangen mit Shortnotice. Und das heißt halt auch, dass wir sowieso nicht wussten, was passiert. Wir haben davor nichts Digitales oder Web-lastiges gemacht. Mich hat das null interessiert. Ich habe einen HTML- und CSS-Kurs in der Uni gemacht und dann abgebrochen. Das hat mir keinen Spaß gemacht und dann haben wir über WordPress basic Sachen versucht zu layouten um dann so ein bisschen das Editorial einfach ins Web zu bringen. Wir haben ja keine hyperkomplexen Seiten gebaut, sondern einfach nur so ein paar Portfolio-Seiten. Wir waren uns auch nicht zu schade dafür, Sachen neu zu lernen und uns auch noch nicht auf dem Level Sachen umsetzen zu können, wie wir es eigentlich theoretisch im Print gekonnt hätten. Das ist auch ein bisschen so, eigentlich sieht es gerade nicht so geil aus, aber es ist okay. Und auch total schlecht bezahlt. Aber egal, weil sonst kommt ja eh gerade nichts rein. Und dadurch, dass wir noch bei anderen Studios waren, konnten wir es uns auch leisten. Es war dann am Anfang erstmal nur ein Freund, dann ein Freund von einem Freund, dann ein Bekannter von einem Bekannten und dann kannte man die über zwei Ecken oder so und so ist es eigentlich nach wie vor auch immer noch, dass sich allermeistens von einem Job ein oder zwei weitere Sachen ergeben. Und unser Netzwerk, das wir haben, empfiehlt uns auch weiter, und ist im Austausch mit Kurator*innen die wieder Projekt XY machen. Und so hat’s sich ergeben, dass wir tatsächlich bisher noch keine Akquise machen mussten. Ich weiß nicht warum. Es sind einfach extrem viele Zufälle. Wir kennen sehr viele Leute, haben im richtigen Moment die ausversehen richtigen Entscheidungen getroffen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Mit der Zeit ergeben sich größere Aufträge, die besser budgetiert sind. Dadurch ermöglichen sich auch ganz andere logistische, finanzielle Freiheiten. Also wir verdienen jetzt natürlich schon besser als vor ein paar Jahren, aber wir sind nicht an dem Punkt, wo wir für unsere Zeit angemessen bezahlt werden. Wir wollen, wenn es irgendwie geht, unser Studio weiter aufbauen und dann zeitmäßig, nicht verantwortungsmäßig, etwas reduzieren. Mehr Quality-Time mit Entwurf und Delegation und Feedback und schauen, dass das große Ganze läuft. Weil gerade sehr viel unserer Zeit gefressen wird, Brände zu löschen, wenn man doch eigentlich voll gerne einfach ein Konzept an dem Tag für Projekt XY gemacht hätte. Was ich auch mit auf den Weg geben kann, ist, frühzeitig versuchen, sich irgendwelche Puffer-Zonen zu schaffen, an denen man ganz konkret an irgendeiner Aufgabe, die einem wichtig ist, arbeitet. Sonst wird man so hin und her geschoben die ganze Zeit, vor allem als selbständige Person, weil man ja immer selber sein Boss ist und selber dem nachgehen kann, was gerade wichtig ist.

Man ist nach außen hin das Studio, das die coolen Jobs macht und nach innen hin ist man oft gestresst. Es kommt halt einfach sehr viel über unseren Tisch. Es sind sehr viele externe Stimmen dabei, sehr viele Meinungen, sehr viele kleine Miniproblemchen oder größere Probleme. Sachen, die schief gehen. Auch ganz normal. Allein die Anzahl dieser kleinen Probleme, die man am Tag lösen muss. Das haben wir uns selbst auferlegt, indem wir so viele Sachen machen. Der Umgang damit wird halt ein anderer, weil wir mittlerweile die kleineren Sachen nicht an uns heranlassen. Das ist ein Prozess, der extrem viel Kommunikationsaufwand in sich beansprucht. Es muss immer wieder nachbesprochen werden. Kleine Checkins. Hey, ist alles okay? Auch ein bisschen antizipieren. Morgen wird es stressig bei der anderen Person, kann man irgendwie irgendwas tun, was das ein bisschen einfacher macht oder für einen selbst? Hey, kann ich auch einfach zehn Minuten früher gehen als du? So? Ja, also das sind so kleine kleine Sachen, die man sich rausnehmen muss. Und ich glaube, je nachdem wie sehr People pleasing man ist, fällt einem das leichter oder weniger leicht. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...]Man muss einfach vorsichtig sein, wen man sich anlacht. Das ist aber gleichzeitig eine sehr, sehr privilegierte Aussage. Es ist auch nicht so, als würden wir immer die schlausten Entscheidungen treffen oder im Vorfeld erahnen können, wie das läuft. Das versuche ich auch die ganze Zeit auf jeden Fall zu betonen. Dass wir nach wie vor immer wieder Sachen falsch machen, immer wieder die gleichen Fehler machen, wo wir eigentlich wissen: Hey, das wollen wir eigentlich nicht mehr machen. Ja, aber wenn dann das Szenario ein ganz bisschen anders ist, dann hat man es wieder. Dann erkennt man es nicht rechtzeitig. Man geht über die eigenen Grenzen. Man traut sich nicht, sich einzugestehen, dass jetzt gerade was schief läuft. Wenn alles nach so einem genauen Schema laufen würde, dann könnte man das ja irgendwo einmal nachlesen und einfach so durchziehen. Also ich habe jetzt keinen Zweifel an uns als Studio und ich weiß auch, dass Leute die Gestaltung cool finden und es irgendwie gut finden, dass wir ein Studio haben, was wir für Jobs machen und so.

Instagram versus Reality ist auch so ein Ding. Ich weiß natürlich nicht, wie meine Außenwahrnehmung ist, weil ich uns ja nur intern sehen kann. Aber ich kann mir vorstellen, vielleicht ansatzweise, alles ist fun, wir sind total locker. Das ist eine Repräsentation von unserer Idealvorstellung. Wir sind natürlich auch auf eine Art locker und fluide und so, aber da ist auch sehr viel Schmerz dabei und es ist nicht alles easy. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Caroline Villis

→→Caroline Villis ist Teil des Dortmunder Gestaltungsbüros Ten Ten Team, in dem sie mit Partner*innen aus Kultur, Wirtschaft und Forschung visuelle Konzepte und Designlösungen entwickelt. Caroline Villis hat visuelle Kommunikation in Dortmund und Mainz studiert und zuvor schon für das Münchner Designbüro Herburg Weiland gearbeitet. Zu Villis Kund*innen gehören etwa das Osthaus Museum und das Internationale Frauen Film Fest Dortmund+Köln.←←

⮡ Interview mit Caroline Villis

Christoph Knoth

→→Christoph Knoth bildet gemeinsam mit Konrad Renner das Professoren- und Designduo Knoth & Renner. Gemeinsam entwickeln sie hauptsächlich Webkonzepte. So haben sie schon für das Werkleitz Festival, die Burg Giebichenstein und die Akademie der Bildenden Künste Stuttgart umfangreiche Webpräsenzen geschaffen. Neben ihrer Tätigkeit als Designer leiten sie als Professoren die Klasse Digitale Grafik an der HFBK Hamburg.←←

⮡ Interview mit Christoph Knoth

Claudia Doms

→→ Claudia Doms ist eine Grafikdesignerin und Professorin mit internationalen Stationen. Sie studierte im Bachelor an der Rietveld Academy, bevor sie in verschiedenen Institutionen in Leipzig, Moskau, Tallinn und Bremen lehrte. Später absolvierte sie einen Master im Fachbereich Typografie an der Burg Giebichenstein und ist aktuell als Professorin für konzeptionelles Gestalten an der HbK Braunschweig tätig.←←

⮡ Das Interview mit Claudia Doms erfolgte via E-Mail

CTP. TP. P.

→→Unter der Leitung von Immo Schneider entwickelt das Berliner Designbüro Conversation Taking Place. Taking Place. Place. (CTP. TP. P.) multimediale Designkonzepte für Kulturinstitutionen in ganz Deutschland. Schneider studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und entwickelte dort unter anderem die Web-und Grafikpräsenz für die A&O Kunsthalle. ←←

⮡ Das Interview wurde mit Gründer Immo Schneider
geführt

Herburg Weiland

→→Herburg Weiland ist eine Münchner Designagentur, die umfangreiche Gestaltungskonzepte in Web, Print und Motion für internationale Kulturinstitutionen entwickelt. In über 25 Jahren Tätigkeit gehört zum Kundenstamm der Agentur unter anderem das Burg Theater Wien, das Opernhaus Zürich, das Bauhaus Dessau und die Staatsoper Unter Den Linden.←←

⮡ Das Interview wurde mit Gründer Tom Ising und Art Director Hans Findling geführt

Node Berlin Oslo

→→Node ist ein Designbüro mit Sitz in Oslo und Berlin. Seit 2003 entwickelt das von Serge Rompza und Anders Hofgaard gegründete Studio multimediale Designlösungen für internationale Kulturkunden. Die Gründer lernten sich während des Studiums an der Amsterdamer Rietveld Academy kennen. Zum Kundenstamm des Büros gehören unter anderem das Berliner Haus der Kulturen der Welt und der niederländischen Stararchitekt Rem Koolhaas. ←←

⮡ Das Inteerview wurde mit Studio-Co-Gründer Serge Rompza geführt

Pool Practice

→→Pool Practice ist ein Design Studio in Berlin, gegründet von den beiden Schweizer Designerinnen Claudia Klat und Lisa Pepita Weiss. Die Arbeit des Studios ist geprägt von visueller Experimentierfreude, klaren konzeptionellen Strukturen und präziser Typografie, die sie in flexible visuelle Systeme für Print, Web und Raum übersetzen.←←

⮡ Das Interview wurde beiden Studiogründerinnen Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat geführt

Shortnotice Studio

→→Das Berliner Designbüro Shortnotice Studio wurde 2020 von Sascia Reibel und Matthias Lempart gegründet. Das Portfolio besteht aus einer breit aufgestellten Abdeckung von Künstler*innenprofilen über Kampagnen von Festivals und Brandings von Institutionen. Zu Kunden gehören etwa das Type Design Studio Dinamo oder die Biennale für Freiburg. Neben ihrer Designarbeit sind sie auch mit Lehraufträgen an Lehrstätten wie der HGB Leipzig oder der Kunsthochschule Kassel tätig.←←

⮡ Das Interview wurde mit Studio-Co-Gründerin Sascia Reibel geführt

Über dieses Projekt

Wie sieht die Arbeit von Designer*innen abseits vom Gestalten aus? Welche Rolle spielt Geld, welche spielt Idealismus, Selbstverwirklichung und das eigene Rollenverständnis? Und wie steht es um Frust im eigenen Beruf? Während des Studiums genießen Studierende eine großartige ästhetische Ausbildung. Doch die Fragen der großen weiten Welt bleiben oft unbeantwortet. Nach vier, fünf Jahren an der Kunsthochschule kommt meist dann der Reality-Check: Wie überlebe ich als Designer*in in der echten Welt und das am besten noch als zufriedene Person? In acht Interviews erzählen Designbüros, Agenturen oder Gestalter*innen über ihren Job. Und bieten so einen Einblick in die Realität von Designer*innen, der durch seine Transparenz jungen Leuten, die dem ganzen noch bevorstehen, vielleicht die eine oder andere Angst nimmt.

Die Interviews können in zwei verschiedenen Modi gelesen werden, einmal nach Schlagwortverzeichnis in direkter Gegenüberstellung zu Aussagen anderer Designer*innen. Und einmal als ganzes Interview.

Studio/Designer*innen-Auswahl

Das Projekt hat aus einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit meiner Zukunft als Gestalter angefangen. Ich wollte wissen, wie Studios und Designer*innen, die mich persönlich in ihrer Arbeit begeistern, dahin gekommen sind, wo sie sind. Die Auswahl reflektiert also erstmal Designarbeit, die ich persönlich spannend finde. Im weiteren Verlauf hat sich herausgestellt, dass viele in meiner Situation sich die gleichen Fragen stellen wie ich. Eine Fortführung mit weiteren Studios und Designer*innen, und damit eine breitere Abdeckung des Feldes, könnte ich mir also sehr gut vorstellen.

Kontakt

Hast du Fragen zum Projekt, möchtest dich beteiligen oder gar weiterführen? Schreib mir eine Mail, ich freue mich über jede Rückmeldung.

jan.goldmann@burg-halle.de

Impressum

Dieses Projekt wurde im Rahmen des Schwerpunktes Intermediale Gestaltung an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle realisiert.

Projektdurchführung: Jan Goldmann

Betreuung: Prof. Jana Reddemann, Prof. David Liebermann, KM Lina Schwarzenberg

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Neuwerk 7, 06118 Halle (Saale)

Ganzes Interview: Caroline Villis

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Wie hast du angefangen?

Mein Einstieg nach meinem Masterstudium in Mainz, den Bachelor habe ich in Dortmund gemacht, war bei Herburg Weiland. Ich bin direkt von der Uni sehr spontan nach München gezogen und habe dann dort mit dem Redesign des Lenbachhauses gestartet. Es gab natürlich Parameter, die festgelegt waren. Tom und Steffi (von Herburg Weiland) haben mir da viel Verantwortung überlassen. Was auf jeden Fall eine Herausforderung war, aber als Einstieg nach dem Studium natürlich ein Traumprojekt ist. Da bin ich bis heute dankbar, dass ich die Erfahrung dort machen durfte. Es war eine sehr intensive Zeit. Aber ich habe wahnsinnig viel gelernt und konnte viel umsetzen. Ich habe fast drei Jahre lang dort gearbeitet und durfte danach auch andere Kunden mit betreuen. Rückblickend muss ich sagen, mutig von Tom und Steffi, dass sie uns damals so viel Verantwortung übertragen haben, aber es hat irgendwie immer funktioniert und die beiden waren als Backup immer greifbar. An manchen Stellen hat man sich, weil man sehr viel Herzblut reingesteckt hat, für die Projekte selbst schon sehr verantwortlich gefühlt. Ich glaube, das ist so ein Ding nach dem Studium. Was ich heute anders sehe, ist, dass man gar nicht immer alles alleine lösen muss. Wenn man in einem Team zusammenarbeitet, kann man als Team gemeinsam die Dinge bestreiten. Und nach dem Studium hatte ich, und auch meine damaligen Freunde und Arbeitskollegen, oft das Bedürfnis, das selbst schaffen zu müssen. Und alles selbst umsetzen zu müssen. Und da muss ich jetzt, nach über zehn Jahren Berufserfahrung, wenn ich darauf zurückblicke, manchmal ein bisschen schmunzeln. Teamwork und gegenseitiger Austausch und auch mal ein kreatives Ping-Pong ist viel effektiver. Das merken wir in unserem Team, in dem ich jetzt arbeite, dass wir einfach viel effizienter sind, wenn wir gemeinsam an Projekten arbeiten. Wenn man merkt man hängt an einem Punkt, dass man jemand anderem die Verantwortung übergibt, sich auf andere Dinge konzentrieren kann und dann mit einem frischen Blick wieder einzusteigen.

GO: Wie gehst du mit Frust im Beruf um?

Manchmal muss man lernen loszulassen. Und man muss seine Prioritäten manchmal ein bisschen anders setzen. Man muss an seinen gestalterischen Prinzipien festhalten. Das macht viel von der eigenen gestalterischen Haltung aus. Da darf man sich nicht von Kunden verunsichern oder auch zu sehr steuern lassen. Aber was total hilft ist, wenn wir mal in Situationen kommen, wo das Feedback negativ ist oder der Workflow unstrukturiert und nicht zufriedenstellend ist. Dass man sich erst mal gemeinsam darüber austauscht, einmal seinen Frust rauslässt, das intern bespricht und dann versucht, konstruktiv zu lösen.

GO: Künstlerin oder Dienstleisterin, wo ist dein Sweetspot?

Über die Frage habe ich am meisten nachgedacht. Das ist gut, auch noch mal selbst für sich zu reflektieren. Also dieser Dienstleistung Aspekt ist bei uns schon ein sehr großer. Trotzdem versuchen wir, wenn wir Projekte umsetzen, immer unsere Handschrift mit einzubeziehen, sowohl im konzeptionellen Ansatz als auch in der Gestaltung. Und es gibt immer irgendwo Freiräume in Projekten, wo man kreativer und mehr Designer sein kann als Dienstleister. Und diese Freiräume versuchen wir uns immer einzuräumen. Grundsätzlich ist Design immer eine Mischform und wir versuchen, uns Freiräume zu schaffen, in denen wir kreativ sein können.

GO: Was ist ein gutes Briefing, was gehört in ein Angebot?

Angebote sind ein sehr aufwändiges Thema. Es gibt keine Mustervorlage, die man immer wieder anwenden kann, sondern man muss immer individuell reagieren. Oft werden Anfragen von potenziellen Kundinnen an uns herangetragen, wo man direkt merkt, okay, das was die Personen anfragen, ist eigentlich gar nicht das, was sie brauchen. Was sie brauchen muss man dann im Dialog und einem gemeinsam ein Briefing erarbeiten, wo man klären kann, was ist eigentlich der Arbeitsumfang?

Bei umfangreichen Anfragen überprüfen wir meist in einem Workshop, um was es genau geht. Und dann erstellen wir im nächsten Schritt ein umfangreiches Briefing, was genau beschreibt, was unsere Aufgabenfelder sind und wo wir durch diesen Workshop im Vorfeld klarer definieren können, was kommt da eigentlich wirklich auf uns zu. Damit wir uns da nicht verrennen und das hinterher völlig unwirtschaftlich ist.

Und dann gibt es noch Ausschreibungen. Das ist ein sehr umfangreiches Feld. Das sind oftmals sehr komplex formulierte Anforderungskataloge, die viel Zeit erfordern bei der Aufarbeitung. Meistens ist klar, welche Angebotspunkte benötigt werden und welche bewertungsprinzipien es gibt. Was zählt mehr, Preis oder Referenz oder Entwurf?

GO: Wie findest du heraus, was der Wert deiner Arbeit ist?

Es hilft einem auf Dauer nicht, wenn man einsteigt und seine Arbeit sehr günstig anbietet und nach drei Jahren merkt, ich habe jetzt einen Kundenstamm, aber die sind durch meine Preise sehr verwöhnt. Mein Leben zieht jetzt an, ich muss jetzt die Preise erhöhen. Dann kommt man in schwierige Situationen

Was total wichtig ist, ist ein Austausch mit unterschiedlichen Menschen. Heißt mit seinen Kommilitonen, aber auch mit Leuten, die im Beruf sind. Geld ist ein Thema, wo viele nicht gerne offen drüber reden. Es gibt Empfehlungen vom BDG (Bund Deutscher Grafikdesigner), wo es Preisblätter und Empfehlungen gibt. Diese Zahlen muss man vielleicht auch hinterfragen, aber das sind ja schon mal Richtwerte. Ansonsten hilft es einem einfach, seine effektiven Stunden zu tracken und zu gucken: wie lange man im Durchschnitt für seine Tätigkeit braucht.

Man kann sich auch fragen, was sind die Einstiegsgehälter in einer Agentur, was bekommen da Junior-Designer? Was steht da so auf dem Deckel? Das auch noch mal für sich in Relation zu setzen, weil diese Zahlen ja auch was konkret mit dem Leben zu tun. Man braucht das Geld zum Leben. Was ist der Mindestwert, den ich brauche und wie erreiche ich das? Entweder über Stundensätze oder über geleistete Stunden. Viele Berufseinsteiger vergessen am Anfang, dass man diesen Job natürlich macht, weil man sich gestalterisch auch verwirklichen möchte und Spaß daran hat. Aber man macht das auch, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

GO: Betreibst du Akquise?

Klar betreiben wir Akquise. Die Kaltakquise ist hart (zumindest für mich), kann sich aber rentieren. Ein wichtiger Aspekt für uns ist es, Veranstaltungen wie Ausstellungseröffnung, Theater Veranstaltungen, Festivals zu besuchen und Leute zu treffen. Das ist wichtig. Wir haben uns ein bisschen aufgeteilt in unserem Team. Ich kümmere mich vor allen Dingen um Ausschreibungsthemen, weil ich familiär eingebunden bin. Das heißt, ich schaue, was es für offene Ausschreibungen gibt. Und meine beiden Partnerinnen sind öfter auf Events und treffen die Leute. Unser Learning der letzten Jahre war, dass man trotz vieler Arbeit am Ball bleibt und sich nicht in die Arbeit verkriecht, sondern parallel Akquise betreibt.

Ich glaube, wenn man so aus dem Studium kommt, ist es gut, vom Kleinen ins Große zu denken. Heißt ruhig erstmal kleinere Projekte starten. Um sich ein Portfolio aufzubauen, was reale Projekte beinhaltet, nicht nur Uni-Projekte. Und sich von da aus herantasten an immer größere Dinge.

GO: Ist Grafikdesign ein Job, der dich nach wie vor glücklich macht?

Ja. Ich mag’s total gerne. Ich mache diesen Job sehr gerne. Ich mag vor allen Dingen an der Selbstständigkeit und wie wir uns jetzt aufgestellt haben, dass ich wirklich für Kundinnen und Institutionen arbeiten darf, die ich inhaltlich wahnsinnig spannend finde und da einen kleinen Beitrag leisten kann, dass die besser kommunizieren. Und das ist total erfüllend. Unsicherheit und Angst von jungen Menschen kann ich total nachvollziehen. Wir sind zum Teil auch verunsichert durch die neuen technischen Entwicklungen, die aktuelle Lage in der Kunst, Kultur und Design Szene und die Weltlage sowieso. Da brauchen wir jetzt nicht einsteigen … .

Krass ist, wie sich der Beruf in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat und sich in Zukunft weiterentwickeln wird. Das ist gleichzeitig eine Chance für uns als Designerinnen, aber auch eine Herausforderung. Sich immer wieder neu aufstellen zu müssen, macht es auch spannend. Auch wenn es eine gewisse Unsicherheit beinhaltet. Genau deshalb bin ich sehr gespannt, was die Zukunft bringt und wie sich dieser Beruf in Zukunft wandeln wird. Ich blicke in das Jahr 2026 recht optimistisch.

Ich glaube, ein Riesenvorteil von manchen Dingen, die sich gerade so entwickeln, ist, dass man komplexere und umfangreichere Projekte mit einem kleineren Team als noch vor ein paar Jahren entwickeln, umsetzen und betreuen kann. Das ist auch nur eine Momentaufnahme, das wird sich auch wieder ändern. Es ist aber auch was, was man jetzt als Berufsstarter mitnehmen kann. Man hat viele Hilfsmittel, die einem den Weg in eine Selbstständigkeit auf jeden Fall erleichtern können.

Die Frage ist, ob man das möchte. Ich glaube nämlich, es schadet auf keinen Fall eine gewisse Zeit wirklich, auch in ein Studio, in eine größere Agentur zu gehen. Dort lernt man so viel und bekommt so viele unterschiedliche Aspekte des Berufs mit. Und auch die Expertise von Leuten, die das länger machen, ist nicht zu unterschätzen. Das ist auf jeden Fall was, was man in Betracht ziehen sollte. Ich glaube, diese Erfahrung mitzunehmen von Leuten, die das schon länger machen, die ist richtig, richtig wichtig.

Ganzes Interview: Claudia Doms

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Wie hast du angefangen? Was waren anfängliche Hürden?

Nach meinem Bachelor in Amsterdam vor sage und schreibe 17 Jahren habe ich zunächst bei der Post gearbeitet und Briefe ausgetragen. Meine Eltern haben mir schon vor meinem Abschluss prophezeit, dass mit dem Tag meiner Abschlussausstellung jegliche finanzielle Unterstützung endet. Während meiner Vorbereitung auf den Abschluss war es mir jedoch nicht möglich, eine Anstellung oder Arbeit zu finden, die gleich nach dem Studium beginnt.

Ich habe damals mit sechs weiteren Kommiliton*innen einen Kellerraum in Amsterdam gemietet, von dem aus wir alle mehr oder minder erfolgreich versucht haben, unser Freelance-Business aufzubauen. Nach ein paar Monaten habe ich gemerkt, dass ich mit dem damaligen Netzwerk und den vorhandenen Arbeitserfahrungen auf keinen grünen Zweig kommen werde. Also habe ich begonnen, mich bei Agenturen und Grafikbüros zu bewerben. Ich habe sehr viele Absagen bekommen, bis ich irgendwann eine temporäre Anstellung als Junior-Designerin über ein Jahr bei einer Agentur bekommen habe. Dort konnte ich praktische Arbeitserfahrungen sammeln und ein besseres Verständnis für den tatsächlichen Arbeitsmarkt gewinnen.

GO: Welche Battles fechtet man aus, welche machen keinen Sinn?

Ich habe nach meinem Studium unglaublich viele Kämpfe für meine Gestaltung gefochten; manchmal habe ich mich durchgesetzt, andere Male nicht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es sich jemals wirklich gelohnt hat. Für mich ist der Prozess unglaublich wichtig geworden. Ich möchte gerne mit Leuten zusammenarbeiten, mich austauschen und Verständnis füreinander gewinnen. Heute verstehe ich, dass mir dieses Gefühl von Austausch sehr viel wichtiger ist als zum Beispiel cutting-edge Typography. Man muss aber dazusagen, dass ich nach 17 Jahren Arbeitserfahrung sehr viel besser in der Kommunikation mit Menschen geworden bin und Situationen besser einschätzen kann. Das hilft enorm bei der Entwicklung gestalterischer Konzepte und in der Zusammenarbeit mit Kundinnen bzw. Kollaborateurinnen.

GO: Was fasziniert dich an Grafikdesign?

Ich liebe so viel an Grafikdesign: das Serielle, das Alltägliche, das Vermitteln von Informationen, Schönheit, Prozesse des Abstrahierens und Übersetzens und vieles mehr!

Was ist ein gutes Briefing?

Ein gutes Briefing kann schriftlich oder mündlich sein. Es zeigt sich vor allem durch den Willen, möglichst transparent zu arbeiten und Wünsche offen zu kommunizieren. Es ist sehr schön, wenn sich Leute ausreichend Gedanken darüber machen, was sie von der Gestaltung und der gestaltenden Person erwarten, und proaktiv am Prozess mitarbeiten. Das Schlimmste ist, wenn Auftraggeberinnen und Gestalterinnen versuchen, sich auf eine vermeintlich sichere moralische oder rechtliche Seite zu bringen, und die Zusammenarbeit durch ein Gegeneinander statt ein Miteinander bestimmt ist.

Wie weiß man, was der (buchstäbliche) Wert meiner Arbeit ist?

Was meinst du mit buchstäblich? Also: den finanziellen Wert der Arbeit? Ich denke, dass alle Arbeit gleich viel Wert hat. So gesehen ist es egal, ob man Teller wäscht, Bücher gestaltet oder an der Börse Aktien vertickt. Wir sollten alle durch unsere Arbeit – gemessen in Zeit – in Würde leben können, keine Sorge haben müssen, die Miete nicht zahlen zu können oder gesundes Essen auf dem Tisch zu haben.

Wie man seine eigene Arbeitskraft finanziell am schlauesten auf dem Arbeitsmarkt navigiert, ist wiederum eine andere Frage. Grafikdesigner*innen durchdringen alle Bereiche des Arbeitsmarktes; die Budgets und (kreativen) Anforderungen sind sehr unterschiedlich. Dementsprechend ist es unrealistisch, einen gleichbleibenden Stunden- oder Tagessatz unabhängig von der Art des Auftraggebers zu haben.

Ich würde behaupten, dass Gestalter*innen grundsätzlich kaum Luft nach oben haben – eine Karriere im Sinne einer finanziellen Aufwärtskurve gibt es meiner Meinung nach in der freiberuflichen Grafikdesignwelt kaum. Ich habe Bekannte und Freunde, die durch Festanstellungen in großen Agenturen oder Inhouse eine finanzielle Stabilität erreicht haben, die es ihnen erlaubt, ihr Leben abzusichern und zu planen. Das ist aber natürlich ein Berufsweg, bei dem ein künstlerischer Werdegang oder eine inhaltliche Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen oft auf der Strecke bleiben. Es scheint also, als müsse man sich oft zwischen Prekarität und Stabilität, zwischen künstlerischem Werdegang und Angestelltenverhältnis in konsumorientierten Kontexten entscheiden.

GO: Thema Frust: Wie erfährst du als Gestalterin Frust und wie gehst du damit um?

Das ist ein wichtiges Thema, da Frust in einem Berufsfeld, das vom Ideal der Selbstverwirklichung und individuellem Ausdruck geprägt ist, unausweichlich ist. Ich persönlich finde die Arbeit als Gestalterin, die davon abhängig ist, den Lebensunterhalt durch Gestaltung zu verdienen, extrem frustrierend. Mein Umgang damit war, den Broterwerb von der gestalterischen Arbeit zu trennen. Aktuell verdiene ich durch eine gut bezahlte Anstellung in der Lehre sehr gut – das macht diese Entscheidung leicht. Meine Schlussfolgerung nach 17 Jahren mehr oder weniger freiberuflicher Arbeit ist, dass ich nur noch Projekte mache, die mich inhaltlich interessieren, sprich: Arbeiten mit Künstlerinnen und gesellschaftsrelevanten Projekten. Auch wenn das bedeutet, dass ich in Zukunft im Sommer Karls Erdbeeren verkaufen werde, um meinen Lebensunterhalt abzusichern.

GO: DienstleisterIn oder KünstlerIn: Wo im Spektrum ist dein Sweet-Spot?

Auf einer Bandbreite von 1 (Design als Dienstleistung) und 10 (Design als Kunstform) ist mein Sweet Spot bei einer 7, vielleicht sogar einer 8. Design als Kommunikationsform..

Welche Tipps hast du für junge GestalterInnen (die zB gerade aus der Uni kommen)

Ich hole mir selbst Ansätze bei jungen Gestalter*innen und auch Studierenden, was eine positive Einstellung für das Berufsleben angeht. Mir ist bewusst, dass die Studierendenschaft heutzutage maßgeblich durch Angst vor der Zukunft geprägt ist – das war zu meiner Zeit nicht der Fall. Ich sehe aber auch, dass Zufriedenheit, Gemeinschaft und innere Ruhe wichtigere Aspekte geworden sind als eine karriereorientierte Zukunftsperspektive. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung nach Jahrzehnten kaum erfüllbarer Karriereträume in unserem Berufsfeld und sollte sich auch positiv auf den Umgang mit Frust auswirken.

Wenn ich einen Tipp geben müsste, dann wäre es: Erstellt euch eine Prioritätenliste und wägt Aspekte wie finanzielle Stabilität und Prekarität, künstlerische Freiheit und kommerzielle Werbung gegeneinander ab – unter dem Gesichtspunkt, dass finanzielle Sicherheit meistens nicht mit künstlerischer Freiheit vereinbar ist.

Ganzes Interview: Conversation Taking Place. Taking Place. Place.

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Was schreibst du in ein Angebot?

Es gibt natürlich gewisse Basics. Ein paar Standardsätze, die eigentlich immer drin sein sollten. Aber was mir wirklich wichtig ist zu betonen: Genauso wie kein Projekt das gleiche ist, kann auch das Vor- und Nachspiel nie identisch sein. Ein Angebot zu schreiben ist deshalb teilweise wirklich wie eine Kunstform. Es kann extrem detailliert, präzise und durchdacht sein und es legt den Grundstein einer Zusammenarbeit.

Dabei kommen natürlich immer andere Faktoren ins Spiel. Betreibt man viel Aufwand für eine Offerte, bei der man gar nicht weiß, ob man den Job bekommt, zum Beispiel weil es eine Ausschreibung ist? Das beeinflusst alles… Nicht jede Offerte braucht wirtschaftlich betrachtet die gleiche Aufmerksamkeit. Aber was bedeutet es eigentlich, eine Offerte zu schreiben? Da schreibt man ja nicht nur rein: Das und das möchte ich für meine Arbeit. Was viele vergessen: Man sollte auch unbedingt festhalten, was man vom Kunden braucht, wie die Zusammenarbeit aussehen soll und was der gemeinsame Outcome sein wird.

Neben Dingen wie dem Stunden- oder Tagessatz gibt es auch flexible Momente, in denen man abwägen muss, welche Chancen ein möglicher Job in sich trägt. Ich habe zum Beispiel mal einen Auftrag für eine Corporate Identity für ein Musikfestival bekommen und parallel einen für ein klassisches Unternehmen. Nur weil beides Corporate Identities waren, bedeutet das nicht, dass die Offerten gleich aussehen müssen. Für das Musikfestival habe ich erkannt, dass die Musikindustrie viel mit Licensing arbeitet. Die sind es zum Beispiel gewohnt, Lizenzen zu zahlen oder Artists unter Vertrag zu nehmen. Angebote schreiben beschränkt sich also nicht auf das reine Verfassen eines Dokuments. Es bedeutet auch zu verstehen: Wer ist mein Gegenüber? Und genau das führt dazu, dass Offerten wirklich grundverschieden aussehen können.

Für das Musikfestival habe ich mir vorab überlegt: Das ist eine saisonale Sache, die vielleicht wiederkehrt oder eben nicht. Also habe ich die Preisstrategie niedriger angesetzt und dafür eingeplant, Geld durch eine Lizenz zu verdienen, wenn das Festival in die nächste Runde geht. Weniger Aufwand auf meiner Seite, aber trotzdem Einnahmen und geteiltes Risiko mit geteiltem Potential für Erfolg. Das hat gut funktioniert. Das Festival geht mittlerweile in die dritte Runde und ich verdiene daran, ohne jedes Mal grundlegend ein neues Design liefern zu müssen und ohne damals alles als bezahlt zu betrachten wo es durch die Erschaffung noch weniger Ressourcen für Design gab. Es gibt Situationen, in denen ein Angebot meine reinen Arbeitsstundensatz deutlich übersteigen kann, aber an einer anderen Stelle wieder reinholt. Das ist kann manchmal auch bewusste Strategie sein um Projekte möglich zu machen.

Start-ups zum Beispiel brechen Projekte gerne mal mittendrin ab, sei es wegen Fundingproblemen oder anderen Gründen. Dafür sollte man sogenannte Kill-Fees im Vertrag verankern: klare Regelungen, was passiert, wenn 50 Prozent des Projekts bereits erledigt sind und eine der Parteien abbricht. In einer perfekten Welt denkt niemand daran. Aber es passiert, und man kann sich absichern.

Man muss sich im Vorhinein also klar sein, mit wem man zusammenarbeitet. Die Stadt Berlin oder die Bundesregierung wird einen Auftrag mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mittendrin abbrechen. In der freien Marktwirtschaft gibt es da andere Risiken. Das Thema Angebotsschreiben ist wirklich fast eine eigene Disziplin und ich behandle es auch so. Man darf nicht vergessen, dass dahinter auch Menschen sitzen, die das lesen. Ich habe schon Angebote gesehen, die wie Romane aufgebaut waren: kaum Zahlen, viel Text, fast wie ein Verkaufsgespräch auf Papier. Und andersrum.

Ich glaube wirklich: Die Leute, die erfolgreich sind, sind nicht nur gut in der kreativen Arbeit. Sie sind auch gut darin, Dinge anders zu machen und zu hinterfragen, warum was wie funktioniert. Aus irgendeinem Grund hört dieses kritische Denken bei Business-Themen oft auf. Klar, man braucht erstmal eine Grundlage. Aber für mich war das auch ein langer Lernprozess, durch Erfahrung, Nachfragen bei Kollegen und Freunden. Und manchmal auch ein bisschen Feldforschung beim Blick über den Tellerrand.

Jedes Mal, wenn man in einem Unternehmen kollaborativ arbeitet und dabei über solche Prozesse stolpert, ist das Gold wert. Ich habe Leute gesehen, die einen sehr textlichen Ansatz beim Angebotsschreiben haben, fast lautmalerisch vom Designprozess erzählend. Und dann gibt es das andere Extrem mit einer riesigen Tabelle mit Einzelposten für jedes Poster, jeden Flyer, jeden Lieferbaustein. Beides passiert und beides ist richtig. Der Kontext entscheidet.

Wenn man sich diese zwei Ansätze vorstellt, merkt man, wie stark Studios und Freelancer variieren können. Jemand in der Bürokratie möchte vielleicht lieber eine klare Liste. Ein Startup-Gründer, der in Marketing-Terms denkt, interessiert sich vielleicht überhaupt nicht für Zahlen. Der will sehen, dass du kreativ bist. Dann schreibst du ein Angebot, das beschreibt, wie du gemeinsam mit dem Team einen Workshop machst, um Ziele zu definieren, die in den Designprozess einfließen. Auch das kann ein Angebot sein. Wichtig ist, ein Gespür dafür zu entwickeln: Wer liest das? Was für eine Branche ist das? Wer ist der Empfänger?

GO: Wann ist es gut, auch mal Nein zu sagen?

Ich hatte mal eine Anfrage von einem sehr bekannten Fashion-Unternehmen. Geld spielte zunächst keine Rolle (das war zur Abwechslung mal ganz neu für mich). Ich habe letztlich mit denen über drei Monate lang nur Verträge ausgehandelt. Das war eines der erschütterndsten und lehrreichsten Erlebnisse in meiner bisherigen Laufbahn. Ich musste zwischenzeitlich Leute einstellen, die meine laufenden Projekte weiterführten, während ich mich ausschließlich mit diesem Vertragsmarathon beschäftigte.

Natürlich ist es erst einmal verlockend: eine Anfrage von einem renommierten Unternehmen, bei dem Geld keine Rolle spielt. Aber genau da beginnt die Fassade zu bröckeln. Je größer und prestigeträchtiger die Anfrage, desto mehr muss man sich absichern und Abstand gewinnen. Am Ende hat mir diese Erfahrung und mein Bauchgefühl wahrscheinlich meine Karriere gerettet. Irgendwann habe ich gesagt: Unter diesen Bedingungen kann ich meine Arbeit nicht verrichten. Es ging um komplette Buyouts und komplette Lizenzübernahmen, wobei ich gleichzeitig weiterhin für mögliche Lizenzverletzungen haftbar bleiben sollte. Das ist schlicht nicht akzeptabel. Wenn alle Lizenzen und Nutzungen übertragen werden, muss auch die Haftung mit übergehen, solange kein vorsätzlicher Schaden verursacht wird. Das wollten die jedoch partou nicht mitmachen. Es ging immer hin und her, mit Anwälten, und immer mehr Druck den Deal einzutüten.

Irgendwann war klar: Wir drehen uns im Kreis. Das wäre ein großartiges Projekt gewesen, vom Umsatz her wahrscheinlich zwei gute Arbeitsjahre auf einmal eingesackt. Aber das wichtigste Learning war, auch da Nein zu sagen, wenn die Umstände nicht passen. Eine Summe, die auf dem Papier steht, ist erst real, wenn sie auf dem Konto ist – nicht früher. Man sollte sich nicht ködern lassen und stattdessen auf seinen Prinzipien beharren.

Einige Monate später bin ich fast auf die Knie gefallen, als ich erfuhr, dass die Firma, die den Auftrag letztendlich angenommen hatte, nach Projektabschluss tatsächlich verklagt wurde. Da habe ich drei Kreuze gemacht. Nichts davon ist in meinem Portfolio gelandet. Kein Ruhm, kein Namedropping, aber die Gewissheit die richtige Entscheidung getroffen zu haben welche es mir heute ermöglicht weiterzumachen. Aber die Erfahrung und die Bestätigung, dass es sich wirklich lohnt, solche Angebote ernsthaft zu durchleuchten und sich dabei Hilfe zu holen, ist unbezahlbar.

GO: Wie gehst du mit Frust im Designberuf um?

Frust entsteht erst, wenn man über die eigenen Grenzen geht. Wenn man die Zähne zusammenbeißen muss und denkt: Das habe ich jetzt durchgehen lassen. Aber die Wertschätzung kommt nicht zurück. Das ist Realität, das gilt in allen Lebensbereichen.

Man muss lernen, nicht nur Grenzen zu kommunizieren, sondern sie auch durchzusetzen. Und dafür kann nur man selbst die Verantwortung übernehmen. Das bedeutet auch, nicht konfliktscheu zu sein. In der Realität heißt das: Wenn Kunden nicht zahlen, gibt es eine Konsequenz, so wie überall im Leben. Die Angst ist immer: Oh nein, ich verliere den Job. Aber das ist selten die Realität. Diese Angst ist zunächst nur eine Angst, noch kein Fakt. Ich sehe das bei vielen Leuten und bei mir genauso. Ich habe dieselben Unsicherheiten. Und wie gut man damit umgeht, entscheidet letztendlich über Erfolg oder Misserfolg in der Zusammenarbeit.

Viel Verantwortung liegt bei uns selbst, nämlich in dem, was wir nicht kommunizieren. Wenn ich möchte, dass mein Kunde mir Dateien in einem bestimmten Format oder einer bestimmten Ordnerstruktur liefert, kann ich das einfach definieren. Was man nicht tun sollte: Leute damit überraschen und später fragen: Warum hast du das nicht so geschickt? Wenn niemand weiß, wie man es haben möchte, kann man es auch nicht bekommen.

Das ist Nummer eins. Nummer zwei: In jedem Projekt gibt es vorher ein Briefing. Wenn ich weiß, dass ein Kunde schwierig sein könnte, ist es umso wichtiger, alles schriftlich festzuhalten. Ich beginne erst mit der Arbeit, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind; das steht so im Angebot. Wenn das nicht passiert, verschiebt sich der Projektzeitplan. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Wichtig ist die kommunizierten Grenzen selbst einzuhalten und nicht mit Ausnahmen zu beginnen. Dann ist der Wurm drin.

Im Freelancer-Dasein macht kreative Arbeit vielleicht zehn/zwanzig Prozent des Alltags aus. Das andere ist People Management: andere Leute, aber genauso sich selbst managen. Wenn ich etwas auf eine bestimmte Weise haben möchte, muss ich das vorher klären. Und wenn es nicht klappt, muss ich Konsequenzen ziehen und darf das nicht einfach ignorieren. Genau da entsteht dann Frust: wenn man die eigene Grenze schon am Anfang überschritten hat, ohne es zu merken.

GO: Ist ein Angebot dasselbe wie ein Vertrag?

Da gibt es Unterschiede. Manche größeren Unternehmen schicken auf Basis eines Angebots nochmal einen eigenen Vertrag. Den sollte man sich in jedem Fall genau durchlesen, bevor man unterschreibt. In der Regel gilt: Als Dienstleister macht man ein Angebot, trägt darin alles Wesentliche ein und das gilt bereits als Vertrag. Es enthält sozusagen die eigenen AGBs. Oft steht darin eine Klausel: Wenn das Projekt beginnt und kein Widerspruch eingelegt wird, gilt das als rechtsverbindliche Grundlage.

Wenn jemand das Angebot liest und fragt: Moment, bedeutet das, Anfragen am Wochenende kosten mehr? Dann fängt das Gespräch an. Und daraus entsteht dann ein feingetunter Vertrag.

AGBs sind grundlegend wichtig. Und je nach Kontext gibt es Variationen: Bei Start-ups baue ich immer eine Kill-Fee ein. Wenn das Projekt abgebrochen wird, zahlen sie neunzig Prozent, egal wie weit wir im Prozess schon sind. Das ist der Rahmen, der einen schützt.

GO: Wie setzt du einen Preis auf deine Arbeit?

Das ist eine sehr gute und leider auch sehr schwierige Frage. Natürlich gibt es einen Preis, von dem man nicht abweichen sollte, zumindest theoretisch. Aber die Realität sieht anders aus. Zum Beispiel: Sehe ich das Potenzial, dass sich etwas in eine längerfristige Zusammenarbeit entwickelt? Und damit meine ich nicht den Kunden, der sagt: Mach das jetzt für fünfzig Euro, ich frag dich dann nochmal an. Wenn dieser Satz fällt, kann man direkt Nein sagen. Sondern ich meine: Sehe ich wirklich das Potenzial und bin ich bereit, dieses Projekt als Investment zu betrachten?

Das macht jemand an der Börse genauso. Es ist eine kleine Wette. Sie kann aufgehen oder eben nicht. Aber man lernt daraus. Wichtig ist, nicht alles auf eine Karte zu setzen und stattdessen zu streuen. Achtzig Prozent der Energie auf Projekte, die sicher zahlen. Und dann mal einen Job, der weniger bringt, aber Potenzial hat, als bewusstes Investment.

Ich habe noch niemanden getroffen, der nie unter Wert gearbeitet hat. Die Frage ist die Dosis. Wenn man immer unterbezahlt arbeitet, beutet man sich selbst aus. Und wenn man sich einredet, jedes Projekt sei ein Investment, lügt man sich irgendwann selbst an. Dann braucht man eine andere Strategie: zum Beispiel Jobs, die nicht ins Portfolio wandern, aber verlässlich Geld bringen.

Es gibt so viele Studios, die wir auf ein Podest stellen, weil sie nur kreative Arbeit zeigen. Damit verdienen die selten ihr Geld. Es ist wichtig, den Unterschied zu erkennen: Was ist mein Image, was ist meine Story. Und was passiert eigentlich hinter den Kulissen, damit das alles funktioniert? Es ist fast ein Tabu, darüber zu sprechen, welche Aufträge man annimmt, weil man glaubt, alle anderen folgen ausschließlich ihrer Passion. Ich habe Projekte gemacht, auf die ich nicht besonders stolz bin. Aber die haben es mir ermöglicht, die Projekte zu machen, die mir wirklich wichtig waren. Diese Realität fällt nach dem Studium schwer zuzulassen.

Wenn ein Job einen nicht zu hundert Prozent erfüllt, heißt das nicht, dass er einen zurückwirft. Falscher Stolz bremst einen, nicht der Job selbst. Die Menschen, die ich wirklich respektiere und die nach meiner Definition erfolgreich sind, machen fast alles. Die sind sich für nichts zu schade. Sie wissen aber trotzdem, was sie als Person ausmacht. Ein Logoauftrag für eine Bäckerei schließt nicht aus, dass man eigentlich in der Kunst- und Kulturwelt zuhause ist. Wenn die Bäckerei gut zahlt: Warum nicht? Das muss ja nicht ins Portfolio.

GO: Arbeit sollte man also nicht immer idealisieren?

Nicht alles an der Arbeit muss Selbstverwirklichung sein. Wer morgens ins Gym geht, weil er gesünder leben will, weiß: Der Weg dahin ist selten angenehm. Man muss viele Dinge tun, die keinen Spaß machen und die nur indirekt zur eigenen Vision beitragen. Bei der Arbeit ist das nicht anders.

Wenn ich Jobs mache, die nicht im Portfolio landen, aber mir die Sicherheit geben, ein Herzensprojekt zu finanzieren: Das hat seinen Wert. Keine falsche Scheu vor Arbeit, die nicht glamourös wirkt. Jeder macht Jobs, über die er lieber nicht laut spricht. Das können auch etablierte Agenturen sein, die kommerzielle Aufträge annehmen, weil das Gehalt stimmt. Sie beschäftigen damit eine Person, die dann neunzig Prozent der Zeit die Projekte macht, für die sie bekannt ist. Das ist nur realistisch, und nicht beschämend.

GO: Wie finde ich heraus, was der Wert meiner Arbeit ist?

Wenn man sein eigenes Leben nach bestem Gewissen beurteilt und weiß, was die eigenen Ausgaben sind, weiß man auch ungefähr, was man verdienen muss. Das ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung. Daher ist die Antwort so individuell.

Der wichtigste Schritt ist eine Erkenntnis, die oft spät kommt: Jeder hat ein eigenes Verhältnis zu Geld. Als Beispiel: Wer einen Auftrag aus der Schweiz bekommt, arbeitet mit Menschen, die vielleicht fünfzig Franken für einen Burger ausgeben, was für jemand anderen einem Stundenlohn entspricht. Wer gibt wofür gerne Geld aus? Das ist fast philosophisch. In meiner Erfahrung ist es nie das Problem, dass kein Geld da ist. Das Problem ist meistens, dass die andere Person für genau dieses Projekt nur so viel ausgeben möchte. Das sind Prioritäten.

Wichtig ist: eine Grundlage schaffen, um offen über Geld reden zu können. Nie denken: Wenn ich jetzt eine Zahl nenne, die dem anderen zu hoch ist, verliere ich den Auftrag. Ich habe schon Summen genannt, die ich selbst für unverschämt hielt. Sie wurden kommentarlos akzeptiert. Und andersrum. Also: Die Reaktion des Gegenübers sollte nicht in die eigene Preisbewertung einfließen.

Natürlich werde ich in einem Unternehmen mit hundert Mitarbeitern einen anderen Satz nennen als bei einer Einzelperson, die sich mit Stipendien über Wasser hält. Da darf man flexibel sein. Aber man sollte sich nicht davon abhalten lassen, eine Zahl zu nennen, nur weil man vermutet, sie könnte dem anderen zu hoch oder zu niedrig erscheinen. Man weiß es erst, wenn die Antwort kommt.

Und wenn jemand auf einen Preis hin gar nichts mehr antwortet, dann ist das kein Zeichen, einen Fehler gemacht zu haben. Dann ist es eher ein Zeichen, dass diese Zusammenarbeit sowieso schwierig geworden wäre. Das ist eine Art Qualitätssicherung. Weil es nämlich zwei Szenarien gibt.

Szenario A: Man nennt einen zu niedrigen Preis. Man arbeitet und knirscht innerlich bei jeder Runde mit den Zähnen. Man bekommt Korrekturen, die nicht ausgehandelt wurden, macht sie aber trotzdem. Jede Interaktion ist frustrierend, weil keine Wertschätzung zurückkommt. Da kommt Frust ins Spiel, weil man die eigene Grenze schon am Anfang überschritten hat.

Szenario B: Die Person meldet sich nicht. Man denkt vielleicht, man hat einen Fehler gemacht. Man hat aber jetzt Raum und Zeit für eigene Initiativen. Man ist nicht gelähmt durch eine toxische Arbeitsbeziehung.

Es ist natürlich nicht schön, kein Feedback zu bekommen. Aber ich empfehle: Schick trotzdem die Zahl, die du für richtig hältst. Wenn du selbst weißt, dass es eng werden könnte, schreib dazu: Ich vermute, das ist vielleicht etwas viel für dein geplantes Budget. Ich würde gerne darüber sprechen, wie wir das gemeinsam möglich machen können. Einladen zum Gespräch. Geld ist selten wirklich das Problem. Die Frage ist immer die Priorität und das Verhältnis dazu.

Und wenn verhandelt wird, muss man sich etwas einfallen lassen. Es ist am Ende des Tages immer ein Tauschgeschäft. Wenn der andere weniger geben möchte, muss sich auf der anderen Seite etwas verschieben. Man muss auch Konsequenzen bei späterer Zahlung setzen, das ist Wertschätzung für die eigene Arbeit. Die Kunden, die es am genauesten nehmen, lassen sich oft am meisten Zeit beim Bezahlen. Dann muss man eben auch klar sein: Das macht dich nicht zum schlechten Menschen, das bedeutet nur, dass du deine Grenzen kennst.

GO: Sicherheit wächst mit Erfahrung

Man fängt natürlich nicht gleich mit einem hohen Stundensatz an. Wenn man aber irgendwann Art Director ist, kann man entsprechend mehr verlangen, aber dann hat man auch einiges unter dem Gürtel. Ich glaube, das Wichtigste ist, Gefühl und Realität zusammenzubringen. Anfänglich hat fast jeder Schwierigkeiten, sich für den Wert zu verkaufen, den man tatsächlich hat, weil man diesen Wert dann auch verteidigen müsste. Was mache ich, wenn jemand sagt: 80 oder 100 Euro die Stunde ist zu viel? Dann wäre man gezwungen zu sagen: Eigentlich nicht, weil... Dieses Gespräch möchte niemand führen.

Aber man kann sich vorbereiten: Kann ich diesen Wert verteidigen? Wenn ich das noch nicht sicher sagen kann, ist es vielleicht was für das nächste Halbjahr, wenn zwei, drei weitere Projekte dazugekommen sind. Das wächst mit der Zeit und mit dem Proof of Concept.

GO: Wie werde ich glücklich in diesem Beruf?

Unser Gespräch dreht sich viel um Selbstständigkeit. Aber es gibt andere Modelle. Angestellt sein bedeutet nicht, weniger Kämpfe zu führen. Man macht Gehaltsverhandlungen mit Vorgesetzten statt mit neuen Kunden, aber trotzdem. Und ich glaube, was ich voranstellen möchte: Jeder, der aus der Uni kommt, muss sich fragen: Wie viel Selbstverwirklichung möchte ich in meinem Job?

Manche sehr gute Designer, bei denen ich immer dachte, die müssen doch selbstständig sein, lassen sich anstellen. Manche finden ihre Erfüllung gerade darin, im Team zu arbeiten und Visionen anderer umzusetzen. Das ist vollkommen legitim. Die Uni ist ein geschütztes System. Man kann sich dort mit Dingen beschäftigen, die noch nicht viel mit der Realität zu tun haben, was zunächst toll ist. Aber diesen Realitätscheck muss man irgendwann machen: Wie viel Selbstverwirklichung durch den Beruf, wie viel durch das Privatleben?

Man kann nur enttäuscht werden, wenn man die falsche Entscheidung trifft: angestellt zu sein, obwohl man selbstständig sein will, oder umgekehrt. Selbstständig zu sein, obwohl man eigentlich das Bedürfnis nach Sicherheit hat. Das reibt einen auf. Wenn du ein Top-Gestalter bist, bedeutet das nicht, dass du selbstständig sein musst. Wenn du deine Erfüllung im Teamprozess findest und den ganzen unternehmerischen Overhead nicht willst, such dir ein Inhouse-Team, das wirklich etwas reißen will. Das gibt es. Ich will meine eigenen Ideen präsentieren und selbst entscheiden. Also muss ich selbstständig sein. Aber beides hat seinen Wert.

Als Selbstständiger kann ich jeden Monat meinen Satz anpassen. Als Angestellter verhandle ich vielleicht einmal im Jahr, dafür aber fundierter und verbindlicher. Im Kern sind das dieselben Mechanismen. Als Angestellter kann man genauso clever wirtschaften wie jemand, der selbstständig ist.

Die Kernaussage, die ich treffen möchte: Mit der Illusion aufräumen, dass derjenige, der die kreativere Arbeit leistet, automatisch erfolgreicher wird. Es gibt eine Schnittmenge von Menschen, die man kollektiv bewundert: Menschen, die gute kreative Arbeit machen und gleichzeitig erfolgreich sind. Die machen beides gut: kreativ und unternehmerisch.

Und dann gibt es das andere Phänomen: Man fragt sich, warum manche immer wieder Aufträge kriegen, obwohl die Arbeit einen nicht überzeugt. Wahrscheinlich, weil die den Business-Teil sehr gut beherrschen. Man muss über das, was man tut, nicht nur kreativ nachdenken, sondern auch unternehmerisch.

Es gibt immer noch dieses Denken: Ich mache geniale Arbeit, jemand wird mich schon finden. Das hat noch nie funktioniert, auch nicht bei erfolgreichen Musikern. Wer sich Interviews mit wirklich erfolgreichen Kreativen anhört, hört fast immer: Ich habe unermüdlich gearbeitet. Ich habe jedem geschrieben, habe mein Material überall verteilt, bin auf jeden zugegangen. Die denken nicht: Ich bin genial, ein Upload auf Insta muss reichen. Man muss dahinter sein und von sich selbst überzeugt sein. Nur dann gibt es die Chance, dass andere das auch sehen.

Das hat viel mit dem Imposter-Syndrom zu tun. Man fühlt sich, als würde man mehr aus sich machen als man ist. Ich kann das alles nachvollziehen. Aber die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Wir machen uns nämlich meist auch mindestens vierzig Prozent schlechter, als wir sind. Viele sind noch weit davon entfernt, zu übertreiben. Sag: Hey, ich kann das. Oder: Das kann ich noch nicht, aber ich möchte es gerne lernen. Einfach ehrlich sein. Niemand wird dich dafür abstempeln.

Man kann im Laufe eines Projekts auch sagen: Das ist eigentlich nicht unsere Kernexpertise, aber wir machen das gerne mit, vielleicht zunächst auch ohne Aufpreis, weil wir selbst sehen wollen, ob es gut wird. Und wenn es gefällt, hat man etwas Neues im Portfolio. Das Kräfteverhältnis zwischen dem, wofür man eigentlich angefragt wurde, und dem, was man daraus machen kann, ist oft größer als man denkt.

GO: Wie kommst du an Aufträge? Betreibst du Akquise?

"How to get jobs? Make it smart" ist natürlich die Antwort. Akquise ist wichtig und ich betreibe sie auch. Die Kunsthalle Leipzig hat mich nicht angefragt. Ich bin auf sie zugegangen. Ich fand, dass die eine schwache Website hatten, kannte den Ausstellungsort aus meiner Studienzeit in Leipzig und konnte es nicht zusammenbringen: Warum hat so ein beeindruckender Raum, ein riesiger White Cube direkt neben dem Bahnhof, fast wie eine Galerie in New York, eine Identity, die diesem Raum überhaupt nicht gerecht wird?

Das war auch ein Learning: Sie sind ein kleiner Verein, mieten den Raum für einen symbolischen Preis. Vielleicht hatten sie noch gar nicht die Ressourcen, eine durchdachte Identity zu entwickeln. Man lässt sich oft davon blenden, was man von außen wahrnimmt. Die Realität sieht oft anders aus.

Ich hatte das Glück, kurz nach meinem Studium den Mut zu haben, einfach zu sagen: Hey, ich kenne euch, ich habe in Leipzig studiert. Ich hätte eine Idee. Nicht einfach Portfolio hinschicken und sagen: Ich finde euch toll, lass mal was machen. So kommt kaum jemand zurück. Man muss eine Idee mitbringen, eine klare Vorstellung davon, was man machen möchte. Das ist das Eintrittsticket.

Das ist natürlich zeitintensiver als eine Liste von fünfzig Unternehmen, denen man denselben Text auf einmal schickt. Aber Quantität ersetzt keine Qualität. Wenn man sich hinsetzt und drei Unternehmen findet, bei denen man wirklich eine Vision hat. Das ist viel wirkungsvoller als neunzig E-Mails ins Blaue.

Ich finde Akquise eigentlich sogar fast spannender als angefragt zu werden. Man kann sich seine potenziellen Kunden aussuchen. Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Seine Freunde schon. Angeschrieben zu werden ist natürlich schön fürs Ego. Aber das bedeutet ja nicht automatisch, dass man mit diesen Leuten auch zusammenarbeiten will. Ich arbeite bis heute mit der Kunsthalle Leipzig zusammen, mittlerweile im dritten Jahr. Eine qualitativ hochwertige Arbeit, um die ich mich selbst bemüht habe. So einfach und schön kann es auch sein.

GO: Dein Ratschlag ist also: Initiative ergreifen?

Es liegt unglaublich viel Potenzial darin, selbst die Initiative zu ergreifen und sich Kunden rauszusuchen, bei denen man schon ein Bauchgefühl hat. Meistens, wenn man wirklich jemanden hat, mit dem man gerne zusammenarbeiten möchte, hat man auch schon eine Vision. Von dieser Vision zu erzählen reicht oft, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist effektiver als: Ich habe keine Aufträge, also schreibe ich jetzt hundert Museen an und frage, ob die gerade was brauchen. Da kann ich dir ziemlich sicher sagen, was zurückkommt: Vielleicht. Nein danke. Oder gar nichts. Das Allerbeste ist ein ehrliches Interesse, und darauf basierend zu handeln.

Als letzten Tipp, nicht nur für dich, sondern vielleicht auch für alle, die das lesen: Das Wichtigste für mich war, so früh wie möglich Praktika zu machen. Und zwar nicht in großen Firmen, sondern in kleinen Studios, wo man direkt mit der Inhaberin oder dem Inhaber zusammen in Meetings sitzt und einfach alles mitbekommt. Zu sehen, wie jemand das eigene Design verkauft. Sich in so viele Prozesse wie möglich einzubringen. Das passiert fast nur in kleinen Studios. Ich habe Rechnungen gesehen, war bei Angeboten dabei, habe Mittagessen und Abende mitgemacht. Komplett in den Alltag eingebunden zu sein: Das war, rückblickend, die wertvollste Erfahrung.

Ganzes Interview: Herburg Weiland

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen nach dem Studium zu arbeiten?

TOM ISING: Ich habe mein Studium nach dem siebten Semester aufgehört und angefangen beim Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung zu arbeiten. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, auch wenn ich jetzt keinen Abschluss habe. Es hat mir nicht geschadet, eher im Gegenteil. Ich hatte einfach eine super Chance und diese auch ergriffen. Das würde ich sowieso immer empfehlen: keine Angst vor Experimenten.

HANS FINDLING: Ich habe mein Praxissemester bei Herburg Weiland gemacht und das hat von Anfang an ziemlich gut gepasst. Danach habe ich dann eigentlich gleich gewusst: Ja klar, wenn ich fertig bin, dann komme ich wieder hier hin – das war dann irgendwie schon ausgemacht. Da hatten wir schon Glück, dass es vorallem menschlich und natürlich auch gestalterisch auf Anhieb gut funktioniert hat.

GO: Welche Battles fechtet man aus, wo schließt man Kompromisse? Wieviel Künstler*in ist man als Designer*in?

TOM: Je jünger man ist, desto mehr Battles sollte man auch ausfechten. Direkt nach dem Studium am besten einhundert Prozent, und wenn man dann älter wird, darf das gerne ein bisschen abnehmen. Das hat viel mit Erfahrung zu tun. Aber bis man die hat, dauert es eben auch.

HANS: Designer*in sein bedeutet in unserem Kontext auch Dienstleister*in sein. Du hast immer ein Gegenüber, egal ob das jetzt ein hipper Sauerteigbäcker in Neukölln, oder irgendein mittleres Management in einem Riesenkonzern ist. Man hat immer ein Gegenüber mit dem man in den Dialog tritt. Das führt zwangsläufig dazu, dass verschiedene Meinungen aufeinandertreffen. Gegenseitiger Respekt ist wichtig. Man will als Designer*in respektiert werden und sollte dabei aber auch das Gegenüber als Experte auf dessen Spielfeld respektieren. Da geht es immer auch darum, Kompromisse zu finden, im besten Falle gemeinsam, im Sinne der Qualität. Dabei will man natürlich Haltung zeigen und für seine Arbeit kämpfen. Gerade am Anfang, frisch nach der Uni gab es bei mir schon Momente, in denen ich noch einfach wie gewohnt frei drauf los gestaltet habe, um dann zu merken, dass dem Ergebnis viel inhaltliche Qualität fehlt und am Schluss auch einfach die Argumente um zu überzeugen. Das frustriert natürlich, die Frage ist aber, was man daraus macht. Ich habe Lust bekommen es nächstes Mal besser zu machen. Für sich selbst muss man die richtige Balance finden. Inwiefern kann und will man als Designer*in auch Künstler*in sein?

TOM: Ja und nein würde ich auch sagen. Aber eben nicht ausschließlich. Streng genommen machst du Kunst ja nur für dich selbst. Als Designer*in hast du immer ein Gegenüber. Und dann musst du dich entscheiden: Bist du eher eine künstlerische Designer*in oder eher so ein „Ich mach dir alles recht"-Typ? Das trifft nicht nur auf Einzelpersonen zu, sondern auch auf Agenturen. Wir stellen uns genau diese Frage auch immer wieder.

Beispiel Webseite: Wir hatten sehr lange eine relativ kryptische und coole Webseite. Ganz oben unser Showreel, schnell geschnitten, und darunter ein paar aktuelle Instagram-Einträge, das war's. Dann gab es noch einen leicht verschwurbelten Text und am Ende alle Awards. Das ist ja auch eine Haltung. Wir hatten noch nicht mal unsere Leistungen aufgeführt. Niemand, der nicht super designaffin ist, konnte wissen, wer wir sind oder was wir überhaupt machen, wofür man uns buchen soll. Eigentlich nicht zu verstehen. Durch diese Positionierung von dir selbst oder deiner Agentur hast du eigentlich schon eine Aussage zu diesen Battles getroffen.

HANS: Es hat irgendwie etwas Negatives, bei einem Battle – da denke ich an Krieg. Da geht es ja darum, dass es am Ende Verlierer*innen und Gewinner*innen gibt. Eigentlich sollte es in einer guten Zusammenarbeit keine*n Verlierer*in geben; es sollte nur Gewinner*innen geben. Wenn man mit einem Kund*in diskutiert, bricht man sich keinen Zacken aus der Krone, denn sie sind ja auch Expert*innen auf ihrem Spielfeld. Es ist total okay, wenn sie mal recht haben. Man muss wissen: Wo liegen die Kompetenzen auf der Kund*innenseite? Wo liegen die Kompetenzen der Agenturseite? In der bestmöglichen Zusammenarbeit wird das gegenseitig erkannt, und man wirft diese beiden Kompetenzen in einen Topf – dann gibt es gar kein Battle. Denn dann entsteht einfach ein großartiges Ergebnis, und das ist es, was man sich immer wünscht. Das findet aber nur statt, wenn die Leute sich bewusst für einen entscheiden: ganz bewusst anrufen und sagen: „Hey, lass uns mal an den Tisch hocken, ich glaube, ihr seid genau die Richtigen, und wir haben Bock, mit euch zu arbeiten.“ Ist der Match wirklich gut, gibt es auch keine Battles.

TOM: Das ist ein sehr guter Punkt. Ich habe hier in der Agentur mal ein „How-to-Kundenfeedback" gemacht. Mir ist aufgefallen, dass viele Designer*innen, die frisch von der Schule sind, oft nicht wissen, wie sie mit Kritik von Kundenseite umgehen sollen. Die beste Reaktion ist dabei ja fast immer: „Kein Problem, schauen wir uns an." Junge DesignerInnen, die sich vielleicht eher auf der künstlerischen Seite verorten, haben damit ein Riesenproblem. Man muss eben genau prüfen. Vielleicht ist es ja sogar eine gute Idee.

„Wir" ist übrigens auch wichtig, nicht „ich", weil „ich" bin ja nur ich als Einzelperson mit einem Einzelgeschmack. Da könnte man auf Kundenseite sagen: „Du ja, du interessierst mich aber nicht." Das „Wir" ist einfach viel stärker. Und wenn die Idee gut ist, dann würde ich sie einfach machen. Ist doch super, dann wird das Produkt am Ende besser. Und wenn es keine gute Idee ist, dann muss man eben überlegen, wie man damit umgeht. Es gibt natürlich auch Wünsche und Ideen von Kunden, bei denen man sich denkt: „Oh shit, das macht jetzt wirklich alles kaputt." Hier hilft am besten eine neue, im Idealfall noch bessere Idee. Flucht nach vorne.

Im Kern des kritischen Feedbacks von Kundenseite steckt natürlich immer ein Bedürfnis. Sonst käme das ja gar nicht zur Sprache. Wenn alle total happy sind, sagt man nur: „Perfekt, passt super, nehmen wir so." Oft hört man aber zum Beispiel: „Hmm, die Schrift gefällt mir nicht." Manchmal ist es aber gar nicht die Schrift, sondern irgendetwas ganz anderes. Aber als Laie kann man das eben nicht beurteilen. Da muss man dann übersetzen und vermitteln. Manchmal muss man wirklich tief runtergehen unter das Feedback und erst mal versuchen zu erspüren, wo eigentlich das Problem liegt.

HANS: Ich finde, dass eine komplette Designer*in sich auch dadurch auszeichnet, dass er oder sie Menschen gut einschätzen kann – egal ob Kund*innen oder Teammitglied*er*innen. Wer versteht, wie andere denken, fühlen und arbeiten, kann bessere Lösungen entwickeln, die wirken und überzeugen. Es geht nicht darum, es allen recht zu machen, sondern den richtigen Ansatz zu finden und Vertrauen aufzubauen. Das perfekte Zusammenspiel ist selten, weil es viel braucht: gegenseitiges Verständnis, klare Kommunikation und natürlich Inhalte, die überzeugen.

TOM: Im ersten Job lernen viele junge Menschen oft zum ersten Mal, was Misserfolg bedeutet. Jemand findet nicht gut, was sie machen. Das kann ein Kollege oder eine Kollegin sein. Es kann der Vorgesetzte sein oder eben jemand auf Kundenseite. Das ist erst mal neu – im Gegensatz zum Designstudium. Dort musst du mit viel Engagement an die Schule kommen, aber ab dann ist es eigentlich ein smoother ride. Dieses Scheitern im ersten Job muss man erst lernen.

Das hat auch viel mit Social Media zu tun. Alle posten: „Ich habe etwas Tolles geschafft!", „Platz eins!", „Ich habe einen neuen Superjob!" Niemand postet: „Gestern habe ich mich bei einer Agentur vorgestellt, die haben mich aber abgelehnt." Alles sehr positiv und affirmativ, eine reine Bestätigung der Erfolge. Der Algorithmus verstärkt das natürlich. Und deshalb muss man im ersten Job eben auch erst mal mit dem Scheitern klarkommen. Manche scheitern auch am Scheitern. Im Idealfall wächst man aber an der Kritik. Könnte man an den Schulen bestimmt besser beibringen.

Es ist ja auch eine blöde Mischung, wenn du gerade deine eigene Designpersönlichkeit entwickelst und dann bekommst du solche Dämpfer. Es besteht eben der Zwiespalt zwischen „Ich lerne von den Erfahrenen" und „Mir doch egal, was die sagen, ich weiß es besser, und ich ziehe das auch durch, denn nur so kann Neues entstehen."

Ich war beispielsweise ein absoluter Designdespot, als ich jung war. Ich habe mich mit Leuten im Gang gestritten. Ich habe ganze Ordner vom Server gelöscht, den Papierkorb entleert und gesagt: „Ruf mich nie wieder an!" Wirklich schlimm. Das waren aber auch die Neunzigerjahre, heute ist das natürlich total anders. Damals habe ich das knallhart durchgezogen. Inzwischen sehe ich das deutlich entspannter und weiß, dass man auch anders ans Ziel kommen kann. Da kommt eben die Erfahrung ins Spiel.

HANS: Die Ausbildung vermittelt eben nur die Grundlagen und danach eröffnen sich einfach unglaublich viele Möglichkeiten. Als Kommunikationsdesigner*in kann man in ganz unterschiedlichen Kontexten arbeiten – vom Ein-Personen-Büro bis zur großen Agentur oder auf Unternehmensseite im Konzern. Man kann künstlerisch arbeiten, Dienstleister*in sein, handwerklich tätig sein oder eher strategisch arbeiten. Diese Vielfalt wird sich in einem Studiengang vermutlich niemals abbilden lassen.

Viele praktische Erfahrungen, wie der Umgang mit Kund*innen oder direkte Kritik, lernt man eben erst im Berufsalltag. Genau das macht den Beruf spannend: Nach der Ausbildung hat man extrem viele Wege offen. Und so individuell diese Wege sind, so unterschiedlich sind auch die Prozesse und Entwicklungen, bis man seinen eigenen gefunden hat. Und nebenbei muss man sich dabei auch noch selbst finden und seine Design-Persönlichkeit finden.

GO: Was macht ein gutes Briefing aus?

TOM: Ich finde, das Wichtigste ist eigentlich ein klar formuliertes Ziel auf Kundenseite. Man kann über alles reden, viele Sachen dürfen auch schwammig und gefühlt sein. Aber man muss wissen, in welche Richtung man laufen will. Und das kann keine Agentur für dich entscheiden. Als Designteam mit einem guten Skillset kann man eigentlich alles möglich machen. Die besten Briefings sind im Detailgrad eher grob, haben aber eine klare Aufgabenstellung und Zielführung. Ab dann zieht sich der ideale Kunde stark zurück, weil er ja mit uns Profis an der Hand hat, die wissen, was sie tun. Die schlausten Menschen überlassen den Profis den Job. Ich stehe ja auch nicht neben dem Elektriker und sage: „Bohr doch noch ein bisschen tiefer. Nee, jetzt noch ein bisschen links. Nimm doch erst den kleinen Schraubenzieher." Warum auch? Das gilt eigentlich für jeden Beruf auf der Welt.

Wir haben mal eine Zeit lang für die Swiss Re gearbeitet. Da gab es diesen Chef, alte Schule, Chilizüchter in der Freizeit, und er hat einfach zu uns gesagt: „Ihr seid die Profis. Ich halte mich komplett raus. Ihr wisst ja, was wir wollen." Es ging um interne Mitarbeiterkommunikation. Er hat gesagt: „Ich möchte gerne, dass alle ein bisschen näher zusammenrücken. Ich möchte gerne, dass man bei uns in den Gängen irgenetwas erleben kann usw., dass es nicht so kahl und karg ist, allgemeine gesellschaftliche Themen, ein bisschen den Horizont erweitern." Das war sein Briefing, und dann hat er nie wieder irgendetwas gesagt. Er hat sich das natürlich angeschaut, kritisch, aber er hat nichts dazu gesagt, weil er uns vertraut hat. Und das ist nicht nur der ideale Kunde, sondern das ist eigentlich auch der ideale Chef. Du stellst dir dein Team gut auf, und dann musst du nicht mehr viel machen.

GO: Thema Geld: Was kann ich verdienen, was ist fair, wonach kann ich fragen?

TOM: So divers der Beruf ist, so divers sind natürlich auch die Verdienstmöglichkeiten. Es ist wahnsinnig individuell, und da spielen ganz viele Dinge mit rein. Im Optimalfall trifft man einen guten Arbeitgeber und fängt dort an, weil man sich sagt: „Hey, die Leute gefallen mir." Man weiß ja ungefähr, wie viel andere verdienen, man kann das einfach recherchieren. Da geht es dann meist nur um ein paar Hundert Euro runter oder hoch. Und die verhandelt man dann. Je älter du bist, je mehr du kannst, je länger du arbeitest, desto mehr Geld bekommst du. Das ist eigentlich eine ganz einfache Rechnung. Und wenn du super, super gut bist, dann kannst du auch ein bisschen höher pokern.

Bei uns kommt es auch immer darauf an, wer der Kunde ist. Wir machen zum Teil die gleiche Webseite für das Zehnfache an Honorar. Die gleiche Arbeit, die gleiche Kreativleistung, die gleiche Programmierleistung. Ist es zum Beispiel ein großer Immobilienkonzern mit längeren Abstimmungsprozessen und auch einem größeren finanziellen Nutzen? Oder ein einzelner Architekt oder eine Architektin, der oder die sich gerade selbständig macht? Das macht schon einen Unterschied.

Mach dir am besten ein kurzfristiges, mittelfristiges und langfristiges Ziel und sei utopisch. Wenn du der beste Designer oder die beste Designerin der Welt werden willst als langfristiges Ziel – why not? Du musst dir Ziele setzen, weil sonst treibst du wie ein Blatt im Fluss. Man sollte nicht alles dem Zufall überlassen, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen. Es gibt niemanden, der das für einen macht. Du bist auf dich selbst gestellt, und ich glaube, dass man einfach wahnsinnig viel investieren muss. Nicht Geld, aber Interesse, Fleiß, Zeit. Ich glaube, man muss vor allem in Zeiten wie heute extrem über den Tellerrand hinausschauen. Unser Beruf ist im Wandel, wie fast alle Berufe, und niemand kann aktuell sagen, wohin uns die Entwicklung führt.

Klar kann man seinen Job auch dreimal wechseln, aber irgendwann muss man sich committen und in eine Sache investieren. Sei das in einer Agentur oder als Neugründung, das spielt eigentlich keine Rolle. Und deswegen ist es wahnsinnig wichtig, diese Freiheit, diesen Freiraum, den das Studium bietet, auch eigeninitiativ stark zu nutzen, um eben all diese Dinge zu machen, sich am besten Vorbilder zu suchen. Ob das jetzt eine Mentorengestalt in Form eines Professors oder einer Professorin ist oder Personen aus höheren Semestern oder irgendwelche Designer, die man inspirierend findet – egal. Man sollte eben irgendwann ein ganz persönliches Ziel definieren. Im Optimalfall geht man aus dem Studium raus und weiß: Okay, cool. Jetzt kann ich endlich das machen, worauf ich mich die letzten drei Jahre gefreut habe.

Ich glaube, dass gutes Design tatsächlich gar nicht so viel mit Talent oder Begabung zu tun hat. Ich glaube übrigens, dass ganz wenig auf der Welt etwas mit Talent zu tun hat. Es gibt ja diese Theorie, dass du irgendetwas zehntausend Stunden machen musst, und dann kannst du es einfach – egal was: Eiskunstlaufen, Geige spielen, Design etc.

Zu der aktuellen Diskussion, wie viel man arbeiten sollte – vierzig Stunden, Viertagewoche etc.: Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, dann muss man auch richtig investieren. Wenn du eine geniale Idee hast und das Ganze hat nur fünf Minuten gedauert – perfekt, nimm dir den Rest vom Tag frei. Aber um dahin zu kommen, dass man das überhaupt in fünf Minuten schafft, musst du eben vorher diese zehntausend Stunden investieren. Die Entscheidung liegt bei dir: Du kannst das in einer Viertagewoche machen, dann dauert es vielleicht, bis du 38 bist. Du kannst es aber auch in einer Siebentagewoche machen. Dann bist du mit 25 vielleicht schon da. Das Investment kann man nicht skippen. Up to you.

Viele Menschen haben ja Angst, vor großen Gruppen zu sprechen. Ich hatte das auch mal, habe das aber komplett abgelegt. Das ist ein ganz typisches Beispiel für etwas, das man einfach nur oft genug machen muss, dann verliert man die Angst. Wenn du den tausendsten Vortrag hältst, bist du einfach nicht mehr nervös. Dann bist du super souverän. Genauso, wenn du das tausendste Mal eine Schrift schön gesetzt hast oder eine Idee entwickeln musstest oder eine Präsentation aufbauen – egal was – dann kannst du es einfach, bist Profi. Dann weißt du sofort, was richtig ist. Ich habe früher für ein Layout fünf Varianten gemacht und mir dann eine ausgesucht. Irgendwann machst du eine, weil du sofort weißt, ob das passt oder nicht. Und da sparst du dann extrem Zeit. Aber genau diese Zeit musst du vorher erst mal investieren.

GO: Gibt es Wege sich der Zukunftsangst, sei es durch Technologie oder generelle Existenz, zu stellen?

Genau, die AI-Revolution, das kann man schon so sagen, denke ich. Die Umwälzungen sind wirklich gravierend. Ich kann mich aber auch noch gerade so an die sogenannte DTP-Revolution erinnern, also die Desktop-Publishing-Revolution, wo alle Prozesse von analog auf digital umgestellt wurden. Das war damals auch ein Quantensprung. Vorher musste man, um ein Layout zu machen, aus einem Schriftmusterbuch, in dem Schriftarten in verschiedenen Größen und Zeilenabständen abgedruckt waren, mit einer Schere alles so breit, wie deine Spalte sein sollte, ausschneiden. Dann auf eine Pappe aufkleben. Jede Spalte. Dann die Bilder dazu. Für jede einzelne Seite. Dann kamen diese Pappen in die Litho, die dort alles mit einer Maschine nachgesetzt hat. Muss man sich mal vorstellen, wie lange das gedauert hat.

Jetzt stell dir vor, man macht das Ganze auf einem Rechner. Das ist Lichtgeschwindigkeit im Vergleich. Diese Zeitersparnis ist jetzt durch AI-Hilfe wieder ganz ähnlich. Du kannst ein komplexes Bild illustrieren oder es eben in zwei Sätzen prompten und bekommst ein unmittelbares Ergebnis. Das ist einfach ein unglaublicher Speed-Zuwachs. Denk mal an Animation.

Meiner Meinung nach umarmt man diese Entwicklung am besten. AI ist jetzt hier und geht wahrscheinlich auch nicht mehr weg. Man sollte das alles kritisch hinterfragen. Man sollte überlegen, wo es nützlich ist und wo nicht. Aber man muss es umarmen, sonst bleibt man auf der Strecke. Die ganzen Menschen, die früher Pferde gefüttert und die Ställe in der Stadt bestückt haben, waren alle arbeitslos, als das Auto kam. Aber denk an die Arbeitsplätze, die die Autoindustrie geschaffen hat. Und jetzt? Wissen wir noch nicht. Wusste man damals aber auch nicht.

Oft wird ja der universitären Ausbildung vorgeworfen, dass man zu wenig praxisnah ausbildet. Das sehe ich anders. Ich finde, es wäre sogar falsch, wenn man zu praxisnah ausbildet, weil sich die Realität ja ständig und vor allem immer schneller ändert. Ich finde es gut, wenn die Studierenden eher generalistischer, ein bisschen mehr problem-solving-orientiert ausgebildet werden. Die Ausbildung geht vier oder fünf Jahre lang. Überleg mal, wie sich Technologien aktuell in fünf Jahren ändern. Wenn du jetzt anfängst, sieht die Welt fünf Jahre später ziemlich sicher komplett anders aus. Wenn die Ausbildung zu praxisnah wäre, würde auch wichtiger Freiraum verloren gehen, den man nutzen kann, um sich selbst zu finden und herauszufinden, wo man eigentlich hinwill. In der Realität kommt man früh genug an. Das ist eine ganz tolle Chance, sich in so einem Experimentierraum eigenverantwortlich selbst finden zu können.

HANS: In der breiten Masse kann man sagen, dass das bei uns damals dazu geführt hat, dass wir gesagt haben: „Okay, wir können hier machen, was wir wollen.“ Ich habe diese große Freiheit damals eher positiv empfunden. Danach wurde es natürlich wieder sehr individuell: Manche konnten mit dieser Freiheit eher schlecht umgehen und sind darin ein bisschen verloren gegangen, andere haben versucht, die Welt neu zu erfinden. Was alle gemeinsam hatten, war die Lust, mit dieser Freiheit etwas zu machen.

Heute höre ich manchmal, dass aus dieser Lust auf Experimente teilweise eher eine Angst vor dem Ungewissen geworden ist. Ich glaube, viele machen sich mehr Gedanken darüber, was danach kommt, und das macht es schwer, die Qualitäten dieses Freiraums zu erkennen.

Du hast einen Experimentierraum – im Optimalfall mit Werkstätten, Werkzeugen und, wenn du willst, Personen, die dir Rat geben. Du kannst alles ausprobieren. Früher hat man gesagt: „Ich gehe da rein, schauen wir mal, was wird.“ Heute fragt man sich eher: „Was sollte ich eigentlich machen, wozu führt das und ist das überhaupt richtig für mich?“ Das liegt nicht an der Lehre, sondern hat sich vielleicht gesellschaftlich und innerhalb der Generation verändert.

Ich persönlich habe mein Studium als sehr von Leichtigkeit geprägt erlebt, dafür bin ich dankbar. Es gab nur wenige Momente, in denen das, was man tat, im Hinblick auf die eigene Zukunft stark hinterfragt wurde. Wir haben uns in unserem Freiraum sehr sicher gefühlt. Das war vielleicht teilweise naiv, aber genau richtig, um sich als Gestalter:in erstmal frei zu entwickeln.

GO: Ich glaube das gar nicht mal die Experimentierfreude weggegangen ist, sondern vielleicht einfach wegen gesellschaftlicher Umwälzungen ist mehr Angst, generelle Zukunftsangst da.

TOM: Ja, diese Angst ist mit Sicherheit dazugekommen. Es gibt diese Entwicklungen: Ich werde nicht mehr so viel wie meine Eltern verdienen, Kriegsangst, Klimawandel – da gibt es ganz viel. Diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung trifft junge Menschen jetzt gerade besonders hart. Aber ich habe neulich einen Podcast mit Scott Galloway gehört, so einem linken US-amerikanischen Wirtschaftsprofi. Er meinte ganz beruhigend, dass Design gerade so wichtig wird wie noch nie, und das finde ich auch. Die Story wird immer wichtiger. Es gibt so viele digitale Produkte, die unterscheiden sich funktionell nur wenig, aber Design, Usability und Story sind eben total unterschiedlich. Auch im Politischen ist der Designberuf, das heißt der Beruf des formgebenden oder geschichtenerfindenden Menschen, so wichtig wie noch nie. Deswegen ist dieser Beruf wohl relativ krisensicher.

Vielleicht ist Design nicht mehr dieser Breitenberuf. Das kann gut sein. Aber in den Spitzen, wo auch wir arbeiten, ist die Relevanz immer noch ungebremst hoch. Wir sind eine kleine Agentur, und jede und jeder bei uns ist einfach sehr hoch qualifiziert. Und das wird auch benötigt, weil selbst wenn dir die Maschine fünftausend Varianten in zwei Sekunden ausspuckt, musst du trotzdem entscheiden, welche die beste ist. Das wird dir die Maschine nie ganz abnehmen. Die Designberatung wird immer wichtiger.

Wir machen Kommunikationsdesign, und Kommunikation hat immer mit Menschen zu tun. Wir arbeiten mit Menschen. Wir arbeiten für Menschen. Als Designer oder Designerin muss man auch ein wahnsinnig guter Menschenkenner sein und sich diplomatisch darin verstehen, sich gut mit anderen Menschen auszutauschen.

Für mich ist es in der Lehre und auch im Beruf das Wichtigste, mich mit Menschen auszutauschen. Ich kann als Designer nicht alleine im Keller sitzen. Ich mache Kommunikationsdesign, und Kommunikation findet nicht alleine statt. Man kann noch so viele Tutorials angucken, Lehrbücher lesen und ohne Menschenkontakt probieren, Design zu lernen, aber das wird nicht optimal funktionieren. Ich finde, diese menschliche Komponente ist unersetzbar in unserem Beruf. Homeoffice ist absolutes Gift für Kreativität.

Ganzes Interview: Node Berlin Oslo

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen?

Wir haben uns während des Studiums in Amsterdam an der Gerrit Rietveld Academie kennengelernt. Beide waren wir, würde ich sagen, nicht ganz typisch für die Szene. Es gab damals den Begriff des „Autorendesigns“ – die Idee, aus dem Studium heraus primär für sich selbst zu arbeiten, oft weniger angewandt. Viele gingen auch in andere Bereiche.

Wir haben schon während des Studiums gemerkt, dass wir gerne gemeinsam Projekte entwickeln möchten, und erste Jobs zusammen umgesetzt – unter anderem eine Website für ein Ministerium in Oslo. Dabei wurde schnell klar, dass uns die Zusammenarbeit liegt.

Anders (Studiopartner) hatte bereits Agenturerfahrung und in Oslo eine Agentur mitgegründet, bevor er noch einmal in Amsterdam studierte. Bei mir waren es eher Praktika. Nach dem Studium habe ich zunächst ein Jahr in einer Agentur in Amsterdam gearbeitet. Dazu kam es recht direkt: Der Agenturleiter sah meine Arbeiten auf der Diplomausstellung und fragte mich, ob ich anfangen wolle.

Die Arbeit dort war lehrreich – wir arbeiteten unter anderem für das Fotografiemuseum Amsterdam. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich nicht dauerhaft in einem größeren Team als Angestellter arbeiten wollte. Mir fehlte die Kontrolle über die Projekte, und viele Inhalte interessierten mich nur bedingt.

Nach einigen Freelance-Projekten im Ausland – unter anderem in Barcelona und Estland – haben wir etwa ein Jahr nach dem Studium begonnen, uns in Oslo selbstständig zu machen. Die ersten Aufträge kamen über Anders’ Kontakte. Ein großer Vorteil war, dass er bereits Erfahrung mit Budgets hatte.

Die Anfangsphase war, wie bei vielen, von Herausforderungen geprägt: Zeitmanagement, Kalkulation, Risiken. Gleichzeitig war die Zusammenarbeit sehr intensiv – sowohl beruflich als auch persönlich. Rückblickend hatten wir Glück, dass die Projekte in Skandinavien vergleichsweise gut bezahlt waren und die Lebenshaltungskosten in Berlin damals noch niedrig.

Eine wichtige Frage war von Anfang an: Welche Projekte wollen wir machen? Wir haben beispielsweise auch für eine Ölfirma gearbeitet, weil das finanziell attraktiv war. Gleichzeitig haben wir uns relativ früh gefragt, ob wir das langfristig vertreten wollen, und uns entschieden, diesen Bereich wieder zu verlassen.

GO: Wie kommt ihr zu Ergebnissen, mit denen am Ende alle zufrieden sind?

Das ist ein zentrales Thema. Im Studium wird oft vermittelt, dass man als Gestalterin seine Position konsequent vertreten sollte. Weniger thematisiert wird, wie man mit Auftraggeberinnen arbeitet oder wie man solche Prozesse moderiert. In der Praxis ist jedes Projekt anders. Die Zusammenarbeit mit einer Künstlerin unterscheidet sich grundlegend von der mit einem kommerziellen Auftraggeber. Auch kulturelle Unterschiede spielen eine große Rolle. In den Niederlanden etwa wird Gestaltung stärker als kollaborativer Prozess verstanden als in anderen Kontexten.

Wir haben anfangs teilweise versucht, unsere Entwürfe um jeden Preis durchzusetzen. In einigen Fällen sind Projekte daran gescheitert. Mit der Zeit haben wir gelernt, Strategien zu entwickeln, um solche Situationen frühzeitig zu vermeiden.

Wichtig ist, Erwartungen so früh wie möglich zu klären – etwa durch Gespräche oder Workshops. Gleichzeitig braucht es klare Absprachen, zum Beispiel in Bezug auf Zeitpläne. Wenn diese nicht eingehalten werden, kann ein Projekt schnell aus dem Gleichgewicht geraten.

GO: Was ist ein gutes Briefing? Was ist ein gutes Angebot?

Das ist stark projektabhängig. Oft gibt es kein fertiges Briefing, sondern man muss gemeinsam mit dem Auftraggeber herausarbeiten, worum es eigentlich geht.

Ein erster Schritt ist meist ein Gespräch. In vielen Fällen schlagen wir zusätzlich Workshops vor, etwa bei Branding- oder Webprojekten. Diese helfen, Erwartungen zu klären und können auch als eigenständige Leistung vergütet werden.

Die Vorbereitung ist dabei immer individuell und hängt stark vom Budget ab. Bei kulturellen Projekten arbeiten wir oft mit kleineren Budgets oder investieren mehr Zeit im Vorfeld. In anderen Kontexten – etwa bei kommerziellen Auftraggebern – sind solche Leistungen klar definiert und entsprechend bezahlt.

Ein zentrales Thema ist die Kommunikation: Gerade bei komplexeren Projekten kann sie schnell sehr umfangreich werden und muss entsprechend eingeplant werden.

GO: Wie kann ich mich in Projekten absichern?

Wichtig ist, klare Vereinbarungen zu treffen. Zum Beispiel: Was passiert, wenn ein Projekt vorzeitig beendet wird? Solche Punkte sollten im Angebot oder Vertrag geregelt sein.

Auch die Kalkulation ist etwas, das man mit der Zeit lernt. Es gibt Richtwerte, aber letztlich muss man herausfinden, was für die eigene Praxis funktioniert. Dabei spielen Faktoren wie Projektart, Auftraggeber und eigene Kosten eine Rolle.

Wir arbeiten mit unterschiedlichen Preisniveaus, je nach Kontext. Gleichzeitig versuchen wir, unsere Preisstruktur nicht unnötig kompliziert zu machen.

GO: Wie weiß ich, was meine Arbeit wert ist?

Das ist eine zentrale Frage, gerade zu Beginn. Es gibt im Design keinen festen Tarif, man bewegt sich im freien Markt.

Der Wert der eigenen Arbeit entsteht über mehrere Faktoren: Qualität, Erfahrung, Auftraggeber, aber auch über die Struktur des eigenen Studios. Ein größeres Team kann andere Projekte realisieren als ein kleines.

Gleichzeitig muss man die eigenen Kosten kennen und überlegen, wie man langfristig arbeiten möchte. Viele entwickeln ihre Preise über die Zeit schrittweise weiter.

Auch die Art der Arbeit spielt eine Rolle. Technisch spezialisierte Leistungen werden oft anders bewertet als klassische Gestaltung. Das hängt stark davon ab, wie austauschbar eine Leistung wahrgenommen wird.

GO: Macht es Sinn, sich zu spezialisieren?

Im Studium sollte man möglichst viel ausprobieren. Diese Phase bietet die seltene Möglichkeit, ohne großen Druck unterschiedliche Dinge zu testen.

Spezialisierung kann sinnvoll sein, sollte aber nicht zu früh erfolgen. Sie entwickelt sich oft über mehrere Schritte – etwa über einen Master, Praktika oder erste Berufserfahrungen.

Wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, in welchem Bereich man arbeiten möchte und welche Perspektiven dieser bietet. Gleichzeitig verändert sich das Feld aktuell stark. Kenntnisse im digitalen Bereich, etwa in Screen Design oder Motion, sind heute essenziell.

GO: Was macht eine gute Bewerber*in aus?

Das hängt stark vom jeweiligen Studio ab. In kleineren Teams ist es wichtig, dass Bewerber*innen mehrere Bereiche abdecken können und kommunikativ sind.

Niemand kann alles – entscheidend ist, wo die eigenen Stärken liegen. Gleichzeitig spielt die persönliche Ebene eine Rolle, besonders in kleinen Teams, in denen man eng zusammenarbeitet.

Kommunikation ist dabei zentral, gerade im direkten Austausch mit Auftraggeber*innen. Diese Fähigkeiten entwickeln sich oft erst über die Zeit.

GO: Welchen Tipp würdet ihr jungen Gestalter*innen geben?

Die erste Phase nach dem Studium sollte man nutzen, um möglichst viel auszuprobieren. Es ist nicht notwendig, sofort einen klaren Plan zu haben.

Netzwerke, Gespräche und Erfahrungen helfen dabei, eine eigene Position zu entwickeln. Oft ergeben sich Dinge erst im Prozess.

Vielleicht ist das Wichtigste: Interesse behalten und Freude an der Arbeit haben.

Ganzes Interview: Pool Practice

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen?

CLAUDIA KLAT: Wir haben zusammen in Zürich studiert und sind beide nach dem Studium direkt in Praktika gestartet. Nach dem Studium bin ich nach London gezogen. Ich war damals sehr unvorbereitet, bin einfach mal gegangen und habe dann dort vor Ort geschaut, was ich finden kann. Nach ein paar Monaten habe ich dann ein Praktikum gefunden. Zudem habe ich immer noch für einen Freund Freelance-Arbeit gemacht. Aber das war sehr sporadisch, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ich machte insgesamt zwei Praktika, bevor ich eine Festanstellung gefunden habe.

LISA PEPITA WEISS: Während dem Studium habe ich parallel wie Claudia die ersten Freelance Jobs gemacht. Das waren kleine Aufträge für den Freundeskreis, Bekannte, sowas halt. Nach dem Studium bin ich dann für mein Praktikum nach Berlin gekommen. Praktika waren damals generell nur schlecht bezahlt, das war finanziell schon schwierig. Und danach habe ich wie Claudia in einer Agentur eine Festanstellung gekriegt. Diese war Teilzeit, also vier Tage die Woche, und ich habe parallel immer noch selbstständig gearbeitet.

CLAUDIA: Ja, vom Mindestlohn konnten wir damals bei Praktika nur träumen. Ich habe auch für drei Monate in einem Studio gearbeitet, wo mir nur das Ticket, um zur Arbeit zu fahren bezahlt wurde – habe aber direkt neben dem Studio gewohnt, deswegen war das de facto gar nichts. Und beim anderen Praktikum habe ich 120£ die Woche bekommen. Umso wichtiger war es, möglichst viel aus diesen Praktika mitzunehmen, um dann auch bald einen Job als Designerin zu ergattern, wovon man auch leben konnte.

GO: Wie kam es zur Selbständigkeit?

LISA: Der Moment, in dem ich es gewagt habe, war, als ich einen für mich damals großen Auftrag gekriegt habe. Das war ein gewonnener Pitch für eine Schweizer Institution, den ich mit einem Kollegen zusammen gemacht habe und der uns finanziell ein paar Monate Puffer gegeben hat. Man muss dazu sagen, dass ich in meiner Festanstellung nicht wahnsinnig gut verdient habe. Also eigentlich habe ich im festangestellten Verhältnis von der Hand in den Mund gelebt. Am Ende des Monats hatte ich vielleicht 200 € übrig, das gab mir also kein finanzielles Sicherheitsgefühl. Ich habe den Schritt in die Selbständigkeit jedenfalls auch finanziell nie bereut.

Ein anderer Aspekt war auch einfach, dass die Zeit reif war. Die fünf Jahre in der Agentur haben mir Spaß gemacht. Ich habe da gerne gearbeitet, hatte schöne Aufträge und es war ein tolles Team. In der Zeit habe ich wahnsinnig viel mitgenommen durch die Projekte, an denen ich arbeiten konnte und die Erfahrungen, die ich dabei sammeln konnte. Nach fünf Jahren war ich aber an dem Punkt, dass ich die Selbstsicherheit hatte und dachte, ich traue es mir jetzt zu, ein Projekt von A bis Z alleine hinzukriegen.

Ich glaube, das war dann die Kombi, die es gebraucht hat. Aber die Zeit bis dahin habe ich auch gebraucht. Obwohl ich immer wusste, dass ich irgendwann selbstständig arbeiten will, möchte ich die Zeit der Anstellung nicht missen. Ich würde jedem und jeder raten, erst mal wirklich ein paar Jahre in einem Studio zu arbeiten, bevor man die Selbständigkeit in Betracht zieht.

CLAUDIA: Ich finde, das ist mega abhängig. Nach dem Studium fand ich, dass man eigentlich auch auf Agenturerfahrung verzichten kann. Rückblickend merkt man natürlich schon, dass man viel in einem professionellen Umfeld lernt. Ich habe mich nach zehn Jahren in der Agentur mit Lisa zusammen selbstständig gemacht.

GO: Wie kam es zu eurer gemeinsamen Gründung?

CLAUDIA: Lisa hat bereits ein paar Jahre selbstständig gearbeitet. Und ich war erst grad aus der Agentur raus und ganz frisch nach Berlin gezogen. Es war Coronazeit. Überall herrschte Flaute. Diese ruhige Zeit haben wir genutzt, um erstmal zu überprüfen: Was wollen wir? Wollen wir überhaupt das gleiche, haben wir dieselben Vorstellungen eines gemeinsamen Büros? Das ging etwa drei Monate. Wir hatten uns einen Studio Space geteilt und beide noch jeweils an unseren eigenen Aufträgen gearbeitet, aber wir haben uns in dieser Zeit abgestimmt, ob wir als Büro funktionieren könnten, bevor wir dann den Schritt gewagt haben.

GO: Wie habt ihr eure ersten gemeinsamen Aufträge bekommen?

CLAUDIA: Bei mir war die Situation so, dass ich keine Arbeiten zeigen durfte. Alle Projekte der vergangenen 10 Jahre gehörten der Agentur, was vertraglich so geregelt war. Wir hatten also noch kein gemeinsames Portfolio, das mussten wir uns erst erarbeiten. In dieser ersten Phase haben wir auch mal einen Auftrag als Tauschgeschäft gemacht: für Tissair haben wir eine Identity gestaltet und er hat uns im Gegenzug Sounds für unsere Webseite erstellt.

LISA: Es war ein bisschen schwierig, ohne Portfolio Aufträge reinzuholen. Was wir immer versuchen ist, das Netzwerk zu nutzen und aktiv Akquise zu betreiben. Also zum Beispiel Leute, mit denen du arbeiten willst, persönlich anzuschreiben, und sagen, du hast Interesse für sie zu arbeiten. Aber oft läuft es so: man kennt Leute, man wird empfohlen, jemand hat deine Arbeit gesehen und fand die gut. Und dann kommt die Frage: “Macht ihr das auch” oder “könnt ihr das auch”? Ich glaube, gerade wenn man direkt vom Studium kommt, würde ich erstmal empfehlen, einfach immer alles zu machen. Also solange es vertretbar ist. Aber ich glaube, Aufträge abzulehnen, nur weil es nicht ganz der perfekte Job ist oder so, das würde ich nicht empfehlen.

GO: Was ist ein gutes Angebot, was ist ein gutes Briefing?

LISA: Der Idealfall ist immer, dass man direkt am Anfang kurz spricht und versteht, was das Gegenüber eigentlich will. Also das heißt, man muss verstehen, was sind die Bedürfnisse auf Auftraggeber*innenseite. Vielleicht steht schon fest, was für Medien benötigt werden. Das ist wichtig, um abzuschätzen, was der Aufwand sein wird. Wichtig ist auch zu wissen, was sind die Vorgaben? Gibt es Dinge, die fix sind? Und was sind Freiheiten, damit geklärt ist, was der Spielraum ist. Und ich glaube am Anfang ist es auch gut, eine klare Struktur oder auch einen Zeitplan zu haben. Und gut ist es auch, wenn man die Anzahl Korrekturrunden bespricht. Es lohnt sich aus Erfahrung hierzu absichern.

CLAUDIA: Und falls Auftraggeber*innen ein fixes Budget haben, dann ist es gut, das zu kennen. Für ein kleines Budget kriegt jemand dann eben nicht drei Entwürfe, sondern nur einen. Ein persönliches Gespräch ist bei sowas immer das Beste. Und im Angebot fassen wir das Besprochene dann nochmals zusammen. Dabei geht es darum, sicherzustellen, ob wir das Briefing richtig verstanden haben. Und das Gegenüber kann dann darauf reagieren, falls etwas nicht passt.

LISA: Wir versuchen, unsere Angebote möglichst übersichtlich zu machen. Es gibt eine kurze Zusammenfassung und eine Auflistung der einzelnen Posten und die Anzahl Stunden oder Tage, die wir ungefähr für diese einrechnen. Und dann setzen wir noch eine Project-Fee drauf, weil auch Sachen wie E-Mails schreiben und Ähnliches anfällt. Das wird gerne vergessen im Prozess. Aber grundsätzlich ist es auch einfach für beide Seiten wichtig, dass man alles immer schriftlich festhält. Das hat mich schon gerettet: es gab mal einen Auftraggeber, der nicht bezahlt hat und das Schriftliche war dann ausschlaggebend, um noch an das Geld zu kommen.

GO: Wie setzt ihr einen Preis auf eure Arbeit?

LISA: Wir haben dazu einen guten Vortrag von Vanessa Olt beim Forward Festival gehört: eigentlich sind es fünf Kriterien, anhand dessen man den Wert eines Auftrags messen kann. Das erste ist Geld, das ist wohl das Naheliegendste. Also ist es gut oder schlecht bezahlt? Der zweite Punkt ist der zeitliche Aufwand: ist es ein Job, den man relativ schnell machen kann? Dann die Frage nach der Relevanz. Und die Frage, ob der Job Spaß macht oder nicht. Also wenn du ein Jahr lang einen Job machst, der dir keinen Spaß macht, ist es was anderes, als wenn du mal eine Woche lang etwas machst, was vielleicht nicht so dein Lieblingsding ist, aber dafür gut bezahlt ist. Und dann gibt es noch den Purpose und das ist ja ganz individuell. Also vielleicht ist es ein Projekt, was einem guten Zweck dient oder etwas betrifft, das dir wichtig ist? Das sind fünf gute Kriterien, wo man beispielsweise sagen kann, wenn drei davon stimmen, dann kann man allenfalls die anderen beiden vernachlässigen. Für uns hat das jedenfalls viel Sinn gemacht.

GO: Was bedeutet Grafikdesign für euch, wie definiert ihr Grafikdesign?

LISA: Ich finde, das Spannende an Design ist, dass man immer auf etwas oder auf jemanden reagiert. Und dass man Grafikdesign überprüfen kann, oder? Ich glaube, wenn man ein Projekt sieht, kann man durchaus sagen, ob es funktioniert. Verstehe ich, worum es in der Ausstellung geht oder auf dem Plakat oder eben nicht? Oder komme ich zurecht auf der Website? Manchmal kann eine Website anstrengend und trotzdem gut gelungen sein, weil es zum Inhalt passt. Grafikdesign kommt immer auf den Kontext drauf an. Ein Leitsystem etwa muss einfach funktionieren und das ist dann halt nicht der Moment, wo man sagt, ich will einen ultra verrückten Font nehmen.

CLAUDIA: Aber Grafikdesign muss Spaß machen. Ich finde, es muss unterhalten und sollte das Zielpublikum ein bisschen herausfordern. Gestaltung ist immer dann spannend, wenn sie funktioniert, aber auch etwas Innovatives dabei ist und man denkt: Das überrascht mich jetzt.

GO: Habt ihr einen Tipp für junge Gestalter*innen?

LISA: Die Realität ist nun mal so, dass der kreative Design-Part im Arbeitsalltag vielleicht so zwanzig Prozent der ganzen Arbeit ausmacht. Der Rest besteht aus abarbeiten, ein Design ausarbeiten und auf diverse Medien und Formate ausrollen, Korrekturrunden, Überarbeitungen, Produktionserklärungen machen etc.. Das kann für jemanden der frisch von der Uni kommt erst mal ein bisschen ernüchternd sein. Auf der anderen Seite ist es aber super wichtig, auch diese Abläufe zu beherrschen und lieben zu lernen. Sonst wird man nicht glücklich in diesem Beruf.

CLAUDIA: Mein Tipp ist es, Lust und Herzblut mitzubringen. Ich würde dazu raten, in Büros arbeiten zu gehen. Erstmal. Wenn man in die Arbeitswelt kommt, gibt es ganz viele Dinge, die man noch lernen muss, auch was Arbeitsstrukturen und -abläufe angeht, oder wie man E-Mails formuliert, die eigene Arbeit präsentiert oder Projekte aufbereitet. Man kann im Studium gar nicht alles lernen. Man muss sich bewusst sein, dass man auch danach ständig dazulernen muss.

Ganzes Interview: Shortnotice Studio

→→ Hier klicken zum Aufklappen ←←

Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen?

Wir haben uns ganz klassisch im Studium kennengelernt, direkt am ersten Tag. Witzigerweise. Mathias (Mathias Lempart, Studio-Co-Gründer, Anmerkung der Redaktion) war schon davor ein Jahr in Berlin, hat da krasse Residencies gemacht. Ich bin halt aus dem Kaff, aus einem sehr kleinen Ort, komplett ohne kulturell-gestalterisch-künstlerisch-architektonisches Interesse in der Familie. Auch die Erste, die studiert hat und bin da eigentlich sehr blauäugig in diese Uni reingerannt. Habe tatsächlich beim ersten Anlauf aus Versehen geschafft, mit meiner Mappe angenommen zu werden. Das war erstmal so ein Trial-Run für mich zu schauen, weil ich wollte mir eigentlich die Zeit nehmen nach dem Abi ein Jahr irgendwie rauszufinden was ich machen will und so. Ich hatte dann die Möglichkeit über den Kunst LK an so einem offenen Tag an der HFG in Karlsruhe teilzunehmen und fand das super spannend. Das war so hey, irgendwas zieht mich total dahin und ich war mit 18 an einem Punkt, wo ich mich sehr gesehnt habe, nach einem Perspektivenwechsel, nach neuen Inputs und habe das auch gar nicht so hinterfragt. Aber einfach so, ich probiere es jetzt einfach mal! Das passt eigentlich gar nicht so arg zu meinem Charakter. Ich versuche sehr durchdacht Entscheidungen zu treffen und bin auch nicht so übereilig, irgendwie die Situation zu ändern, es ist alles eher ziemlich fundiert. Und dann habe ich am ersten Tag Mathias getroffen und wir haben uns gar nicht verstanden. Er war ein paar Jahre älter. War schon in Berlin. Ich bin aus der Kleinstadt in die mittelgroße Stadt Karlsruhe gezogen. Hatte keine Ahnung, was mich erwartet und wir hatten gar keine gemeinsame Baseline eigentlich. Und der ist dann auch erstmal wieder abgehauen, weil seine Residency in Berlin ging länger und er ist dann ein Jahr danach – es gibt immer so einen Ein-Jahres-Turnus an der Hochschule – mit eingestiegen, war dann quasi wie so ein Semester oder ein Jahr unter mir. Das heißt, wir hatten auch kaum in dem Foundation-Jahr miteinander zu tun. Wir haben uns auf Partys ganz gut verstanden und irgendwie so ein bisschen abgehangen, aber nie so aktiv. Wir haben nicht die Nähe oder den Kontakt gesucht. Du weißt ja, wie es ist. Mit manchen Leuten trifft man sich irgendwie aus Versehen immer wieder und das auf den gleichen Veranstaltungen und hat einen netten Plausch und dann hört man irgendwie vier Wochen nichts mehr voneinander. Dann haben wir unser Diplom angefangen zu machen und ich saß mit ihm in einer Bar noch mit anderen Leuten und er meinte dann so: Ja, ich brauche Hilfe. Ich kriege es nicht alleine hin. Und fast schon rhetorisch habe ich gesagt: Ja, ich kann dir ja helfen und hatte eigentlich gehofft, dass er es nicht annimmt. Und dann? Dann hat er das Angebot aber angenommen. Und dann haben wir tatsächlich gemerkt: Hey, wir können ja nicht nur gemeinsam feiern gehen, sondern wir können auch gemeinsam arbeiten. Und das hat sich total gut ergänzt.

Das ganze Studium über war ich sehr auf einer ganz klassischen, printlastigen Swiss-Heavy-Graphic-Design-Schiene unterwegs und habe mich da auch sehr sicher gefühlt und wollte da auch nicht so ausbrechen. Zu der Zeit hat sich das angefühlt wie das kann ich, das interessiert mich, das möchte ich machen. Und Mathias war immer schon etwas offener und freier unterwegs mit den Projekten, die er im Studium gemacht hat. Deshalb haben wir uns inhaltlich nicht so sehr überschnitten. In der ersten Zusammenarbeit haben wir gemerkt: Hey, genau das, was der andere macht, brauchen wir eigentlich voneinander. Diese Differenz hat so gut zusammengeklickt, dass wir ein paar Monate später einfach, wirklich ziemlich voreilig entschlossen haben: Hey, lass einfach ein Studio gründen. Wir haben das ein bisschen mitgekriegt, auch im Umfeld, dass andere Leute das gemacht haben. Und wir waren extrem, wirklich extrem gelangweilt davon, wie lange das zum Teil dauert, sich für einen Namen zu entscheiden und irgendwie zu überlegen, was will man eigentlich machen? So sehr, dass wir uns entschieden haben, es muss alles an einem Tag entschieden werden. Der Name, das Firmenlogo, eine Mini-Webseite und einmal einen Satz, den man sich irgendwie hinknallen kann. Das haben wir dann auch durchgezogen. Gegen die Idee, dass man Sachen auf eine bestimmte Art machen muss, damit sie auch gut sind. Das ist eigentlich der Anfang.

Mittlerweile haben wir uns natürlich in unseren Skillsets und Erfahrungen total weiterentwickelt und diese krasse Differenz ist nicht mehr so da. Was wir uns behalten haben, sind aber unsere Skills. Sei es jetzt persönliche Fähigkeiten, Dinge, die einem leichter fallen und Wissen, das man hat in Bezug auf Gestaltung. Und auch die Studio-Führung erlauben wir uns weiterhin aufzuteilen. Wir können nicht beide alles und das ist auch bewusst so entschieden, weil wir das Gefühl haben, wir geben dem anderen einen Vertrauensvorschuss und das Thema XY wird dann schon gemanaget und ich muss nicht alles selber können und wissen und machen. Damit halten wir unsere Mental-Load auch soweit es geht klein.

GO: Was hättet ihr damals gerne schon gewusst?

So ziemlich alles, weil man weiß irgendwie gar nichts am Anfang. Im Studium hat man natürlich wichtige Sachen und auch spannende Sachen gelernt, die sich aber alle auf Gestaltung als künstlerische Praxis beziehen, weniger auf Gestaltung als Beruf, der mir Geld aufs Konto bringt. Und das betrifft natürlich alles von: Wie mache ich überhaupt ein Angebot? Kann ich als soloselbstständige Person arbeiten? Was bedeutet eine Steuernummer und eine Steuer-ID? Also komplett die Basics bis hin zu: Wie kann ich mich so positionieren, dass ich meine Ideen auch in einer Art Verkaufsgespräch vertrete, was ja Präsentationen mit Kundinnen in der Theorie oftmals sind. Wie kann ich meinen Wert selbst erkennen und etablieren? Wie kann ich überhaupt irgendwas machen, was über ”ich mache jetzt irgendwie ein cooles Poster” hinausgeht? Das hat uns total gefehlt. Aber dadurch, dass man ja auch nicht weiß, wie viel man nicht weiß, hat man da auch nicht so mega die Angst vor. Deshalb hatten wir da am Anfang natürlich Schwierigkeiten, aber nicht so, dass man dann gemerkt hat: Oh, da weiß man ja so wenig, dass man damit gar nichts machen kann. Sondern es war immer so: Hey, jetzt kommt der Moment, wo man Angebote schreibt. Dann sind die ersten Angebote viel zu günstig. Und das ist immer noch ein Problem. Kurzes Framing zu allen meinen Aussagen. Ich sage auch nicht, dass du irgendwas davon zu 100% gelöst haben wirst. Es ist ein Ongoing-Ding. Wir sind ja auch noch relativ jung und das ist immer ein Thema und ich glaube, das hätte ich gerne gewusst. Das wird einem bewusst nach so ein paar Jahren, dass man da immer dazulernen und sich weiterentwickeln muss. Um auch Fehler, die passieren, nicht noch mal auftauchen zu lassen oder auch mit immer komplexer werdenden Strukturen umgehen zu können. Ja, je nachdem, auf welchen Skalen man eben arbeitet. Und auch ein bisschen mehr Offenheit dazu hätte ich mir gewünscht. Vor allem im Kontext zu zum Beispiel Inputvorträgen in der Uni von Leuten, oder Studios, die vorbeikommen und ihr Portfolio präsentieren oder ihre Arbeit präsentieren. Was ich immer total spannend und schön fand. Was mir aber oft gefehlt hat, ist Realitätsbezug oder so ein bisschen Behind the Scenes. Da ist es uns extrem wichtig. Deshalb machen wir das auch total viel und gerne. Das war für uns auch sofort klar, dass wir mit dir sprechen können. Diesen offenen Austausch pflegen wir in Vorträgen, die wir machen. Den pflegen wir, wenn wir Seminare geben. Und ich glaube, das hat sich auch schon extrem gewandelt. Also ich glaube, dieses so total shiny nach außen cleane Dokumentation, ist gar nicht mehr so das Ding. Zu unserer Studienzeit war das eigentlich 99% Prozent der Fälle so, ein Studio kam rein, hat super coole Sachen gezeigt, man saß als Studierende da und war so okay, aber wie zur Hölle soll ich denn jemals an diesen Punkt kommen? Von den Designskills mal ganz abgesehen. So was Cooles kann ich nie machen, da komme ich nie hin. Und diese ganze Frage drumherum, dass auch Struggles dabei sind und Zweifel und auch Sachen schiefgehen, das hat einfach komplett gefehlt. Wir haben nur so eine Oberfläche präsentiert bekommen. Das hätte ich gerne anders gehabt.

GO: Was erzählt ihr Studierenden, wenn ihr Vorträge haltet?

Da halten wir es immer so, dass wir sagen: Fragt bitte alles, was euch wirklich interessiert, weil wir können euch in der Theorie tagelang den Kopf wegreden. Aber was in dem Moment für euch wichtig und ein Fragezeichen ist, können wir nicht antizipieren. Deshalb machen wir da eigentlich immer so Fragerunden und da merken wir ganz arg, wie zum Teil überrascht die Studierenden sind. Es fängt immer ein bisschen harmloser an, dann geht es ein bisschen mehr ins Eingemachte. Wir versuchen wirklich, solange es nicht über irgendwelche NDA-Verträge oder so hinausgeht, so gut es geht offen zu sein. Deshalb fand ich es auch cool, dass du da auch so gezielt zum Beispiel nach Geld oder Struggles und Battles gefragt hast.

GO: Wie setzt ihr einen Preis auf eure Arbeit?

Das ist eine sehr spannende Frage und auch sehr vielschichtig. Leider gibt es nicht diese einfache Formel, die man anwenden kann. Wenn man im kulturellen Sektor arbeitet und sehr unterschiedliche Kundinnen hat, dann muss man jedes Mal aufs Neue aushandeln und schauen. Im Erstgespräch bestenfalls. Also ich empfehle dir zuerst Tipp Nummer eins: Immer erstmal eine Konversation haben, bevor man Angebote schickt. Selbst wenn die Anfragen per Mail kommen und zum Teil schon gut ausformuliert sind und man theoretisch schon ein Angebot machen könnte: Wie fühlt sich das Gespräch an? Werde ich in meiner Position insgesamt schon auf eine Art Ernst genommen? Ist Verständnis dafür da, dass ich eine Leistung verbringe, die potenziell einen Mehrwert bringt und dann auch so was auszuhorchen wie: Habt ihr einen Förderantrag, auf dessen Eingang noch warten müsst? Ist es ein gewinnbasiertes Unternehmen und deshalb ist Geld da? Gründet sich gerade irgendwie jemand neu, braucht eine CI und ist eigentlich gar kein Geld da? Also so ein bisschen herauszuhorchen: Wie steht es denn im Finanziellen insgesamt und wie sehr ist das Wissen und die Wertschätzung für Design? Wie habt ihr bisher grafische Prozesse erlebt? Man gibt vor, das wäre das Gespräch, um dem Kunden zu erlauben, einen kennenzulernen. Aber letztlich ist es eigentlich ein bisschen andersrum und es ist ein Aushorchen.

Empfohlen wird eigentlich zum Beispiel nicht, dass man unterschiedliche Tages- oder Stundensätze hat. Ja, aber die Realität sieht dennoch so aus, dass man sie häufig anpasst. Aber ich versuche trotzdem mal bei dem einen Punkt zu bleiben. Unser Tagessatz momentan ist wahrscheinlich immer noch viel zu niedrig, aber wir sind gerade bei 600€. Ich weiß auch, das ist aus Studierendenperspektive erst mal sehr viel Geld. Wenn man das Ganze aber durch drei teilt und dann die Steuer abzieht und Fixkosten abzieht, bleibt davon wahrscheinlich nicht mehr sehr viel übrig. Zumal man auch fix davon ausgehen kann, dass niemals jeder Werktag im Monat abzurechnen ist. Die interne Arbeit, Buchhaltung, das Studio putzen… So, dann muss man doch noch mal irgendwo hinfahren, irgendwelche Sachen abholen, dann hat man mal einen Zahnarzttermin, dann geht eine Besprechung länger, dann sind Vorabmeetings, die zu keinem Job führen, die unbezahlt sind, natürlich. Das heißt, die wirklich abrechenbare Zeit am Tag, die ist eigentlich relativ klein. Und selbst wenn man es dann schafft, den Tagessatz abzurufen und genau in der antizipierten Zeit, die man angegeben hat, zu bleiben, dann kommt man bei einem Stundensatz raus. Die Realität ist aber häufig, dass man tendenziell etwas länger braucht, als man denkt, weil einfach sehr viele Faktoren unvorhergesehen sind. Kommen zum Beispiel Inhalte verspätet für ein Buch oder sind total fehlerbehaftet, dann sind’s halt nicht zwei Korrekturen, sondern acht. Und dann kannst du auch nicht sagen, ja, sind jetzt halt zehn Tage mehr. Wenn das Budget insgesamt nur zehn Tage ist. Es ist jetzt ein extrem krasses Beispiel natürlich.

Wir haben jetzt relativ viele Jobs schon gemacht, weil unsere Aufträge zum Teil auch nicht so riesig waren. Es kommt einfach eine hohe Anzahl zusammen. Jedes einzelne Szenario, was du dir vorstellen kannst, hatten wir schon. Und jedes einzelne Szenario, was wir uns auch nicht vorstellen können, kommt dann auf eine andere Art immer noch. Am Freitag letzte Woche zum Beispiel haben wir einen Teilbetrag von einer Rechnung überwiesen bekommen, die fällig war zum 30. November, das war lange so geplant, lange abgemacht. Und jetzt, am Montag, habe ich von unserem Geschäftskonto ein Ticket in der App bekommen, dass ein Rückruf für den Betrag angefordert wurde. Das heißt, der Geldgeber möchte das Geld wieder zurückhaben. Und ich hatte zufälligerweise an dem Tag auch einen Termin mit dem Kunden und konnte es dann klären. Sie sind als Verein gerade gar nicht liquide, es muss jetzt wieder zurück gebucht werden. Es wurde nichts mit uns vorher besprochen. Das Fälligkeitsdatum 30. November ist seit Monaten bekannt. Der Betrag ist auch bekannt. Es ist keine Überraschung. Wir sind im ständigen Austausch. Das wäre eigentlich eine Sache, die man nicht über die Banking App löst, sondern vielleicht mal einen Hörer in die Hand nimmt oder mal eine kurze Mail tippt. Das ist einfach nur ein kleines Beispiel.

GO: Wie kommt ihr an Jobs?

Häufig sagt man auch, dass man was für ein kleineres Budget macht, als man sich eigentlich wohlfühlt, weil man das Projekt super spannend findet. Wir sind jetzt aus der Phase raus, wo wir alles, alles annehmen müssen für unser Portfolio. Aber tatsächlich ist es so, dass wir eigentlich fast alle Anfragen, die wir bekommen, total spannend finden. Das ist natürlich ein extremes Luxusproblem. Das wissen wir auf jeden Fall, führt aber häufig auch dazu, dass wir tendenziell eher überbucht sind und trotzdem nicht viel verdienen. Dieses Jahr haben wir extrem viel gleichzeitig gemacht. Wir haben dann irgendwann aufgehört, die Zeit zu tracken, weil wir einfach nicht mehr wissen wollten, wie viel wir machen. Was ist denn jetzt der Stundensatz? Aber das ist auch weniger ein Studioproblem. Das ist mehr ein persönliches Problem, weil wir tendenziell eher das Gefühl haben, wir müssen overdeliveren, dass wir irgendwie genug sind. Das ist auf jeden Fall was, was ich nicht empfehlen kann. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass wir diese total übereifrige Phase am Anfang oder jetzt auch immer noch brauchten, um an den Punkt zu kommen, an dem wir jetzt sind. Wo wir auch sagen können: Hey, wir lehnen auch Sachen ab, wir schrauben die Stunden ein bisschen runter, weil wir einfach sowas von am Limit sind, dass eigentlich gar nichts mehr geht. Aber genau da kann ich auf jeden Fall nur nahelegen, dass diese Überlastung und Auslastung und dieses finanziell irgendwie einigermaßen gut dastehen ein Thema ist, was einen wahrscheinlich sehr lange verfolgt.

GO: Dienstleister*in oder Künstler*in: Wo seht ihr euch?

Dienstleister*in oder Künstler*in, das ist tatsächlich immer wieder Thema in ganz unterschiedlichen Konstellationen. Vor allem in Zusammenarbeit mit Künstler*innen, die einen tendenziell hundertprozentig in die Dienstleistungssparte stecken, aber auch in weniger künstlerisch fundierten Projekten. Gefühlt wird man immer in die negativste Ecke gesteckt. Künstler*in ist man, wenn man nicht schnell genug oder präzise genug herausfühlen kann, was der andere will. Und Dienstleister*in ist man, wenn man nicht genau den Ton trifft, den man treffen soll. Also so ein bisschen dazwischen. Aber ich würde trotzdem sagen, zum allergrößten Teil sind wir da wirklich irgendwo in der Mitte mit Schwenk nach links und rechts. Was aber auch für uns total fein ist, weil wir, glaube ich, uns in einem dieser Pole nicht wohlfühlen würden und es aber auch anstrengend ist, immer sehr Artist zu sein und mal gut ist, Sachen abzuarbeiten. Mal Dienstleister*in zu sein ist auch völlig in Ordnung, weil am Ende ist es auch einfach Arbeit. Die ganze Erfüllung aus dem Job heraus zu bekommen ist natürlich schwierig, auch wenn wir das häufig versuchen. Irgendwann lässt man auch ein bisschen sein Ego los. Es ist nicht jeder Job mehr das Baby und nicht alles muss krass sein. Es ist aber auch sehr schmerzhaft. Also fand ich zumindest eine längere Zeit. Wenn man es aufbereitet, für einen Post oder für das Portfolio. Man sieht, dass es noch viel spannender wäre, wenn die uns einfach hätten machen lassen. Mittlerweile ist mir das ein bisschen egal. Aber ja, am Anfang war ich so: Oh man, irgendwie die Studierenden, die ich noch kenne oder von anderen Unis, die machen so so krasse Sachen. Sieht so cool aus. Aber ja, okay, wenn es halt nicht angewandt ist, dann kannst du gestalten, was du gestalten willst und dann ist kein Reality Check dabei.

Im Studium gab es eine intensive Konzeptphase. Es wurde extrem viel Wert auf Konzept gelegt und extrem viel in die Tiefe gegangen. Wenn man ehrlich ist, hat man selbst da häufig nicht alles in der Gestaltung wiedererkannt, wenn man es nicht wusste. Also wenn ich jetzt nicht in der Semesterpräsentation nebenan stehe und meinen Konzepttext vortrage, hätte man vielleicht nicht diese ganzen Punkte darin gesehen. Und dann kommt natürlich auch dazu, dass wenn man Auftragsarbeiten zusammen bearbeitet, man die Inhalte nicht immer 100% beeinflussen kann. Genau deshalb würden wir uns da in dem Spektrum auf jeden Fall auch – nervige Aussage – sehr fluide verorten, weil es ändert sich die ganze Zeit, je nach Auftrag und auch je nach Laune. Und auch wenn man mal nicht so Bock hat, dann macht man eher Dienst nach Vorschrift, um sich dann auch erlauben zu können, zu einem anderen Zeitpunkt mal mehr Energie und Effort da mit reinzubringen.

GO: Was macht für euch ein gutes Briefing aus?

Da gibt es auch keine Lösung. Bei manchen Prozessen haben wir so vorgefertigte PDF-Sheets für die Kundinnen, so kann man zum Beispiel sagen: so und so müssen Inhalte vorbereitet werden. So und so möchten wir gerne, dass ihr die Korrekturen im Acrobat Reader kennzeichnet, damit es nicht komplett chaotisch wird. Aber für jedes Szenario, was man vorbereiten kann, gibt es wieder zwanzig, die nicht vorzubereiten sind. Ja, und dann wird die Übersetzerin krank oder der Autor springt ab. Man kann es sich nicht vorstellen. Es ist jedes Mal immer wieder irgendwas. Immer. Wir sind halt alle Menschen. Und weil bei vielen Gestaltungsprojekten einfach sehr viele Menschen beteiligt sind und diese Human-Error-Quote ist einfach zwanzig, dreißig Prozent wahrscheinlich. Das summiert sich. Und das wird auch weitergegeben, wenn es um Inhalt und Vorbereitung geht oder Budget, Verwaltung oder irgendwelche Materialien können wieder nicht geliefert werden. Und so weiter. Es hängt auch sehr stark von der Persönlichkeit der Kund*innen ab. Manche Leute lieben es, eine Vorschrift zu bekommen, wie sie Sachen vorzubereiten haben. Andere fühlen sich davon extrem überrumpelt und finden es auch total unsexy. Deshalb wünschte ich, wir hätten da auch ein fixes System. Was wir aber tun, ist zumindest auf unserer Seite Ordnung zu halten: unsere Ablage, unsere Ordnerstrukturen, unsere Verwaltung sind extrem gestreamlined. Sobald bei uns Sachen abgelegt werden, gibt es ein ganz, ganz klares System, nach dem alles funktioniert. Wir haben Jobnummern, also Jobnummer 100 zum Beispiel, der Ordner heißt 100, darin ist ein Admin-Ordner, da ist ein Ordner, wo die Inhalte reingelegt werden, da ist ein Design-Ordner, Druck-Ordner. 100 ist auch das Kürzel für unsere tolle App, mit der wir unsere Zeit tracken. 100 ist auch jeder Kalendereintrag, der eingetragen ist zu diesem Auftrag. Also nur als Beispiel. Diese ganzen Anknüpfungspunkte erlauben eben auch, dass wir im Team switchen können, wer woran arbeitet. Wir haben immer einen Projektmanager bei uns, der die Verantwortung übernimmt in der Kommunikation. Aber wir delegieren dann, wo es möglich und nötig ist, auch an jeweils andere Personen weiter, wenn wir Support brauchen oder mal eine Abwechslung. Was von außen kommt, kannst du nicht verhindern. Du kannst dich nur irgendwie adaptieren, indem du intern Strukturen und Grundlagen festlegst, die dir ermöglichen, das abzufedern.

GO: Betreibt ihr Akquise?

Das ist auf jeden Fall eine Frage, die sehr häufig gestellt wird. Ging mir auch so, ich bin aus dem Studium raus und mir war relativ klar, dass ich nicht in Karlsruhe bleiben möchte, einfach weil da nicht so viele berufliche Perspektiven für mich wichtig waren. Und dann kamen nicht so viele Städte in Frage. Ich wusste, das muss eine größere Stadt sein. Ist jetzt gar nicht, dass ich unbedingt nur in der Großstadt leben will. Mir war es wichtig, dass ich Entscheidungsfreiheit habe. Und dann fiel die Wahl auf Berlin. Ich war echt so: Hey, kein Mensch, kein Mensch wartet auf eine weitere Gestalterin, die nach Berlin kommt. Aber hier in Karlsruhe bleiben bringt halt auch nichts. Zumindest für die Übergangszeit suche ich mir halt einen Freelancejob, um irgendwie anzukommen. Irgendeine Grundlage zu haben, finanziell. Und dann schauen wir mal. Mathias war in der Zeit auch in London. Und tatsächlich, so nervig es klingt, habe ich es dann geschafft, relativ schnell in dieser Berlin-Design-Bubble Leute kennenzulernen. Einfach weil ich für dieses andere Studio gearbeitet habe und in diesem Studio-Raum sehr viele andere Designstudios waren. Ja, und Matthias war in London und hat über das andere Studio und über seinen Partner, der auch Künstler ist, einfach relativ viele Artists in London kennengelernt. Ist auf jede Veranstaltung, auf jede nervige Vernissage gerannt, auch wenn man eigentlich nur einen Wein abgreifen wollte. Egal. Trotzdem hingehen. Dann hat es sich so ergeben, dass wir diese beiden Bubbles aufgebaut haben. Und ähnlich wie unser Studienstart, hatten wir in unseren Netzwerken eine relativ geringe Überschneidungsmenge. Also als Studio haben wir natürlich ein sehr breites Feld, aber ich kenne immer ganz andere Leute als Mathias und gemeinsam kennen wir eigentlich tatsächlich gar nicht so viele Leute und das ist einfach ein extrem großer strategischer Vorteil. Der sich aber leider nicht so wirklich planen lässt. Ist einfach ein bisschen eine Zufallssituation, eine sehr glückliche Situation. Aber die hat eben verursacht, dass wir aus diesen beiden Feldern entweder Supportanfragen bekommen haben, so: Hey, kannst du mich unterstützen bei dem Projekt oder: Hey, ich bin Künstler, ich will eine schnelle Artist-Website, hättet ihr Bock das zu machen für 200 Pfund? Und wir so? Ja, natürlich. Machen wir sofort! Wir konnten, wir können ja immer noch nicht coden.

Und gleichzeitig ging Corona los. 2020 haben wir wirklich angefangen mit Shortnotice. Und das heißt halt auch, dass wir sowieso nicht wussten, was passiert. Wir haben davor nichts Digitales oder Web-lastiges gemacht. Mich hat das null interessiert. Ich habe einen HTML- und CSS-Kurs in der Uni gemacht und dann abgebrochen. Das hat mir keinen Spaß gemacht und dann haben wir über WordPress basic Sachen versucht zu layouten um dann so ein bisschen das Editorial einfach ins Web zu bringen. Wir haben ja keine hyperkomplexen Seiten gebaut, sondern einfach nur so ein paar Portfolio-Seiten. Wir waren uns auch nicht zu schade dafür, Sachen neu zu lernen und uns auch noch nicht auf dem Level Sachen umsetzen zu können, wie wir es eigentlich theoretisch im Print gekonnt hätten. Das ist auch ein bisschen so, eigentlich sieht es gerade nicht so geil aus, aber es ist okay. Und auch total schlecht bezahlt. Aber egal, weil sonst kommt ja eh gerade nichts rein. Und dadurch, dass wir noch bei anderen Studios waren, konnten wir es uns auch leisten. Es war dann am Anfang erstmal nur ein Freund, dann ein Freund von einem Freund, dann ein Bekannter von einem Bekannten und dann kannte man die über zwei Ecken oder so und so ist es eigentlich nach wie vor auch immer noch, dass sich allermeistens von einem Job ein oder zwei weitere Sachen ergeben. Und unser Netzwerk, das wir haben, empfiehlt uns auch weiter, und ist im Austausch mit Kurator*innen die wieder Projekt XY machen. Und so hat’s sich ergeben, dass wir tatsächlich bisher noch keine Akquise machen mussten. Ich weiß nicht warum. Es sind einfach extrem viele Zufälle. Wir kennen sehr viele Leute, haben im richtigen Moment die ausversehen richtigen Entscheidungen getroffen.

Zum Beispiel als ich in meiner Anfangszeit in Berlin die anderen Leute im Studio kennengelernt habe, wo ich gearbeitet habe. Ich fand das nicht so nice. Das war nicht so eine gute Zeit für mich und ich habe es gehasst. Aber das hat dann dazu geführt, dass wir zum Beispiel Johannes kennengelernt haben, der von Dinamo, und der uns dann halt irgendwie ein Jahr später fragte: Hey, ihr habt gerade irgendwie coole Sachen gemacht, habt ihr Bock für uns Art Direction zu machen? Deshalb auch dieses Umziehen nach Berlin. So fragwürdig, wie das für mich am Anfang war. Wenn ich es nicht gemacht hätte, wäre es auf jeden Fall nicht passiert. Also Thema Akquise verfahren wir weiterhin so, dass wir versuchen, nicht aktiv Networking zu betreiben, weil das merkt man auch einfach, wenn man angelabert wird, wenn jemand was will. Ja, mittlerweile passiert es halt auch andersrum. Dass Leute halt uns irgendwie anlabern wollen oder irgendwas wollen. Und es ist überhaupt nicht verwerflich oder falsch, aber es fühlt sich irgendwie immer so ein bisschen weird an. Wo am meisten entstanden ist, ist einfach über ein ehrliches – also ich sage jetzt nicht Networking darf man nicht machen – aber einfach über ein ehrliches Interesse an dem Menschen, an der Person, nicht an dem Auftragsvolumen oder an der coolen Font oder Buch, was gerade rauskam. Sondern wirklich ehrliches Interesse. Offenheit dem anderen gegenüber und auch eine Neugierde sich beizubehalten und sich auch vielleicht nicht so zu verstellen. Weil jegliche Art, die man mitbringt, ist für die ein oder andere Person einfach irgendwie interessant.

Und das haben wir auch gemerkt, wenn wir uns verstellen. Das haben wir jetzt zum Beispiel gerade bei einem Auftrag. Da haben wir uns aus Versehen, weil man immer wieder auch Fehler macht, im Prozess von der Bewerbung für diesen Job total verstellt, weil wir dachten, so wird das gewünscht, dass wir auftreten und uns damit total unwohl gefühlt, es aber trotzdem gemacht, weil wir dachten, es muss jetzt irgendwie so sein. Und jetzt haben wir den Salat, weil die überhaupt überhaupt kein Verständnis haben für die Art, wie wir eigentlich arbeiten. Die haben die verstellte Version von uns angeheuert und wir clashen gerade ganz arg mit unseren Identitäten, weil so, wie wir eigentlich arbeiten oder die Art, wie wir über Gestaltung nachdenken, auf einmal gar nicht mehr zu den Vorstellungen des Kunden passt. Ja, und das ist extrem unangenehm und total dumm. Und ich weiß auch, dass wir da selber dran schuld sind. Aber es ist einfach für uns auch immer wieder ein Reminder: das lohnt sich einfach nicht. Wenn man komplett so tun muss, als wäre man jemand ganz anderes, nur um an irgendeinen Job zu kommen… Es lohnt sich einfach nicht.

GO: Die Arbeit die man für Kunden macht, mit denen man sich wohlfühlt, ist bessere Arbeit?

Man muss einfach vorsichtig sein, wen man sich anlacht. Das ist aber gleichzeitig eine sehr, sehr privilegierte Aussage. Es ist auch nicht so, als würden wir immer die schlausten Entscheidungen treffen oder im Vorfeld erahnen können, wie das läuft. Das versuche ich auch die ganze Zeit auf jeden Fall zu betonen. Dass wir nach wie vor immer wieder Sachen falsch machen, immer wieder die gleichen Fehler machen, wo wir eigentlich wissen: Hey, das wollen wir eigentlich nicht mehr machen. Ja, aber wenn dann das Szenario ein ganz bisschen anders ist, dann hat man es wieder. Dann erkennt man es nicht rechtzeitig. Man geht über die eigenen Grenzen. Man traut sich nicht, sich einzugestehen, dass jetzt gerade was schief läuft. Man sagt nicht rechtzeitig was. Ich habe das auch Ongoing. Das ist auch einfach normal. Wenn alles nach so einem genauen Schema laufen würde, dann könnte man das ja irgendwo einmal nachlesen und einfach so durchziehen. Also ich habe jetzt keinen Zweifel an uns als Studio und ich weiß auch de facto, dass Leute unsere Sachen cool finden. Ich weiß, dass de facto Leute sich bei uns bewerben, die ganze Zeit für Praktika und Jobs und so. Ich weiß, dass Leute die Gestaltung cool finden und es irgendwie gut finden, dass wir ein Studio haben, was wir für Jobs machen und so. Das ist also wieder dieses Ding, so Reality-Check mäßig. Man sieht es selber dann nicht. Man regt sich nur auf über das und das. Man hat sich da und da wieder komplett überarbeitet. Ja, man findet es irgendwie scheiße, was man gemacht hat oder man weiß oh man, wenn ich jetzt da einmal ein bisschen präziser formuliert hätte, wie es aussehen soll, dann wäre es vielleicht besser geworden.

Instagram versus Reality ist auch so ein Ding. Ich weiß natürlich nicht, wie meine Außenwahrnehmung ist, weil ich uns ja nur intern sehen kann. Aber ich kann mir vorstellen, vielleicht ansatzweise, alles ist fun, wir sind total locker. Das ist eine Repräsentation von unserer Idealvorstellung. Wir sind natürlich auch auf eine Art locker und fluide und so, aber da ist auch sehr viel Pain dabei und sehr viel Struggle und und es ist nicht alles easy. Dieses Jahr haben wir von Mai bis September oder August zufälligerweise, obwohl wir theoretisch auf dem Papier genug verdient hätten, vier Monate lang keinen Cent reingeholt. Hat einfach keiner die Rechnung bezahlt. Das kam dann alles auf einmal. Also es war de facto nicht zu wenig Verdienst. Alles okay. Aber vier Monate lang ging quasi kein Geld ein. Und was am Ende bei rauskommt, ist noch nicht mal beim Durchschnitt, sondern beim Medianeinkommen von normalen akademischen Deutschen. Wir können uns irgendwas zwischen 2,2 und 2,4 auszahlen pro Person. Wir können davon alles zahlen. Aber es ist einfach crazy, wie viel man arbeiten muss, dass das rauskommt. Auch sicher selbst zum Teil mit verschuldet, weil wir zu billig sind und man lernen muss, wie wir teurer werden. Nicht teurer, sondern nachhaltiger.

Und dazu kommt auch, wie unglaublich viele laufende Kosten man als Studio so hat. Ich kann dir gleich mal ein paar Sachen aufzählen, aber ich weiß noch in der Studienzeit, man hatte seine WG Zimmer irgendwie. Das Essen hat so und so viel gekostet und dann irgendwie mal feiern gehen und Drinks holen so und so viel. Und dann hat man noch ein paar Sachen geschraubt. Alles sehr überschaubar. Man wusste immer ganz genau, was jeden Tag rausgeht. Ich war nie überrascht. Ich war auch immer sehr gewissenhaft. Und jetzt gehen einfach Beträge hin und her, die gar nicht zum Lifestyle passen, den man am Ende hat. Das Studio kostet knapp 1100€ Miete. Dazu die ganzen Fixkosten. Dann haben wir eine Freelancerin, die auf Tagesbasis zwei Tage die Woche arbeitet. Sie kostet auch 1600. Dann sind Versicherungen und sonstige Software-Sachen, die noch mal 200 oder so kosten. Dann Reisekosten, 2, 3, 400€ im Monat für irgendwelche Business Expenses, die dann nicht alle immer 100% zurückgezahlt werden. Ja dann irgendwie Technik, Anschaffungen und so Transport für Ausstellungen, Material, Andrucke was auch immer. Also diese allgemeinen Sachen auch noch mal ein paar Hundert Euro. Plus, dann gibt’s eigentlich auf’s Jahr gerechnet jeden Monat irgendeine Person, die noch irgendwie supportet und deshalb natürlich auch bezahlt werden muss. Und dann natürlich noch 1000€ Umsatzsteuer. Davon gehen ja insgesamt zwanzig Prozent weg. Und dann haben wir auch noch eine Einkommensteuervorauszahlung, die alle drei Monate fällig ist. Also, ich will dir keine Angst machen, weil es natürlich auch mit der Zeit wächst. Und so teuer ist natürlich der Anfang gar nicht. Wir hatten auch zum Beispiel länger keinen eigenen Studioraum. Wir haben davor bei mir in der WG gearbeitet, wo ich ein Zimmer dafür mehr zurechtmachen konnte. Das hat uns extrem viel Geld gespart am Anfang. Wir haben nicht in Technik investiert, nicht in krasse Sachen investiert und sind immer eigentlich okay über die Runden gekommen. Die Expenses steigern sich einfach mit der Zeit und irgendwann fühlt man sich auch okay damit. Du hast ein Business Konto und ein privates Konto, die haben einfach nichts miteinander zu tun. Manchmal denke ich, oh man, ich habe 500 pro Person für die Studiomiete hergegeben. Meine private Miete, weil ich mit meinem Partner zusammen wohne, ist auch noch mal so 600, 700€ pro Person. Ich denke mir dann so: Wie soll ich das denn alles bezahlen? Und da muss ich mich erinnern: Nein, die Studiomiete ist nicht deine Ausgabe. Das ist Firmenausgabe. Und das brauchst du nicht mit deinem Einkommen gegenrechnen, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ja, und das dauert. Je nachdem, wie man veranlagt ist. Manchen Leuten ist es wahrscheinlich auch völlig gleich. Für mich war es nicht so leicht. Ja, und wenn man dann irgendwie zwei Wochen im Urlaub ist und dann so überlegt, okay, ich habe jetzt meine Wohnung nicht untervermietet, plus ich zahle hier gerade noch ein Hotel oder eine Unterkunft oder so, uff, besser nicht so genau drüber nachdenken.

Mit der Zeit ergeben sich größere Aufträge, die besser budgetiert sind. Dadurch ermöglichen sich auch ganz andere logistische, finanzielle Freiheiten. Also wir verdienen jetzt natürlich schon besser als vor ein paar Jahren, aber wir sind nicht an dem Punkt, wo wir für unsere Zeit angemessen bezahlt werden. Wir wollen, wenn es irgendwie geht, unser Studio weiter aufbauen und dann zeitmäßig, nicht verantwortungsmäßig, etwas reduzieren. Mehr Quality-Time mit Entwurf und Delegation und Feedback und schauen, dass das große Ganze läuft. Weil gerade sehr viel unserer Zeit gefressen wird, Brände zu löschen, wenn man doch eigentlich voll gerne einfach ein Konzept an dem Tag für Projekt XY gemacht hätte. Was ich auch mit auf den Weg geben kann, ist, frühzeitig versuchen, sich irgendwelche Puffer-Zonen zu schaffen, an denen man ganz konkret an irgendeiner Aufgabe, die einem wichtig ist, arbeitet. Sonst wird man so hin und her geschoben die ganze Zeit, vor allem als selbständige Person, weil man ja immer selber sein Boss ist und selber dem nachgehen kann, was gerade wichtig ist.

Man ist nach außen hin das Studio, das die coolen Jobs macht und nach innen hin ist man oft gestresst. Es kommt halt einfach sehr viel über unseren Tisch. Es sind sehr viele externe Stimmen dabei, sehr viele Meinungen, sehr viele kleine Miniproblemchen oder größere Probleme. Sachen, die schief gehen. Auch ganz normal. Allein die Anzahl dieser kleinen Probleme, die man am Tag lösen muss. Das haben wir uns selbst auferlegt, indem wir so viele Sachen machen. Der Umgang damit wird halt ein anderer, weil wir mittlerweile die kleineren Sachen nicht an uns heranlassen. Das ist ein Prozess, der extrem viel Kommunikationsaufwand in sich beansprucht. Es muss immer wieder nachbesprochen werden. Kleine Checkins. Hey, ist alles okay? Auch ein bisschen antizipieren. Morgen wird es stressig bei der anderen Person, kann man irgendwie irgendwas tun, was das ein bisschen einfacher macht oder für einen selbst? Hey, kann ich auch einfach zehn Minuten früher gehen als du? So? Ja, also das sind so kleine kleine Sachen, die man sich rausnehmen muss. Und ich glaube, je nachdem wie sehr People pleasing man ist, fällt einem das leichter oder weniger leicht.